Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

Wo wollen Sie begraben werden?

Wie das Leben im ländlichen Kenia vor achtzig Jahren ausgesehen hat, warum John Mbiti überhaupt zur Schule ging und weshalb für ihn Heimat nicht an einen Ort gebunden ist.

Von Corina Fistarol (Interview) und Ursula Häne (Foto)

John Mbiti: «Meine Herkunft ist sehr präsent und wichtig für mich. Doch ich fühle mich wie ein Mensch aus zwei Welten.»

WOZ: Herr Mbiti, wie feiern Sie dieses Jahr Weihnachten?
John Mbiti: Unsere Familie singt und feiert wie wohl die meisten Familien in der Schweiz unter einem geschmückten Baum – und die Kinder freuen sich auf die Geschenke. Das Wichtigste an Weihnachten sind die Menschen – und ein grosses Festessen!

Wie haben Sie als Kind in Kenia Weihnachten gefeiert?
Die christlichen Familien kauften neue Kleider und schlachteten eine Ziege oder ein Schaf. Es gab ein grosses Festessen, und mein Vater briet die feinsten Süssigkeiten. Wir gingen in die Kirche, hörten die Predigt, sangen Lieder. In der Nacht zogen wir Kinder von einem Hof zum anderen und sangen Weihnachtslieder. Das war wunderschön.

Wie sah das Dorf aus, in dem Sie aufwuchsen?
Im Bezirk Mulango gab es keine Dörfer, sondern zerstreute Familienhöfe. Ich lebte zusammen mit meinen Eltern und Grosseltern, Onkeln und noch unverheirateten Tanten, allen Cousins und sechs Geschwistern. Unsere Ethnie, die Akamba, lebt auf einem Gebiet in Zentralkenia, das etwas grösser ist als die Schweiz.

War das Gebiet dicht besiedelt?
Wie viele Leute da wohnten, wussten wir nicht; es gab keine Grenzsteine. In unserer Kultur ist es unhöflich, Menschen zu zählen. Als meine Frau das erste Mal in Kenia war und meinen Onkel fragte, wie viele Kinder er habe, sagte dieser nur, es seien viele.

Wie hat sich Ihre Familie zum Christentum bekehrt?
Die Leipziger Mission baute 1895 eine Missionsstation in Mulango auf dem Grundstück eines Verwandten. So kannte unsere Familie die Missionare seit damals. Deren Elementarschule besuchten anfangs nur wenige Kinder, unter ihnen mein Vater und sein Bruder. Später schickten sie auch uns in die Missionsschule, damit wir lesen und schreiben lernten. Unsere Familie und viele Nachbarn wurden so Christen.

Wie ist Ihre Gesellschaft organisiert?
Bei den Akamba gibt es etwa dreissig grosse Sippen. Als ich ein Kind war, waren wir alle im Radius von hundert Kilometern durch die Sippen hindurch miteinander verwandt. Menschen aus der gleichen Sippe durften nicht heiraten. Also zogen die Frauen nach der Hochzeit in die Höfe der Männer. Wenn wir uns begegneten, klärten wir immer zuerst, wie wir miteinander verwandt waren. Wir wurden nicht zentral regiert, sondern hatten einen Ältestenrat, dem alle alten Frauen und Männer angehörten. Er sorgte sich um das Wohlergehen der Gesellschaft.

Haben sich diese gesellschaftlichen Strukturen seither geändert?
Mehr und mehr Menschen ziehen in die Städte, wo es nicht einfach ist, die traditionellen Beziehungen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu leben. In den Städten mischen sich die Menschen aus den verschiedenen Völkern, sodass auch die Traditionen abgeschwächt werden. Die Städter möchten einerseits ihre kulturelle und soziale Identität bewahren, andererseits wollen sie globalisiert, mit einem Computer und viel Geld leben.

Hat das Auswirkungen auf die Menschen, die auf dem Land geblieben sind?
Auch auf dem Land hat sich das Leben verändert, ist moderner geworden. Aber die Ältesten werden noch geehrt und um Rat gefragt – etwa wenn es um familiäre und nachbarschaftliche Streitereien geht oder in gerichtlichen Angelegenheiten. Viele Gesetze wurden den traditionellen Sitten angepasst. Und die familiären Beziehungen sind immer noch tragend.

Welche Beziehung haben Sie heute zu Kenia?
Ich habe einen Bruder und drei Schwestern, die in Kenia leben, sowie unzählige Verwandte, die mir wichtig sind und zu denen ich jede Woche Kontakt aufnehme. Meine Herkunft ist sehr präsent und wichtig für mich. Meine Eltern sind gestorben – mein Vater wurde 94, meine Mutter 102 Jahre alt. Doch ich reise nach wie vor noch oft nach Afrika und fühle mich wie ein Mensch aus zwei Welten.

In welcher der beiden Welten befindet sich Ihre Heimat?
Ich lebe nun schon seit 1974 in der Schweiz und fühle mich wohl hier. Aber meine Heimat ist nicht an einen Ort gebunden, meine Heimat sind meine Gedanken. Ich bin ein akademischer Mensch. Wenn ich etwas schreibe oder lese, tauche ich völlig in dieses Thema ein. Wenig später sind meine Gedanken schon wieder an einem anderen Ort. Ich bin in mir zu Hause, die Gedanken machen mein Sein aus. Und in meinem Glauben fühle ich mich geborgen.

Wo wollen Sie einmal beerdigt werden?
Meine Asche soll in zwei Urnen verteilt werden. Eine Urne soll in Burgdorf, eine an meinem Herkunftsort begraben werden. So können die Familien in beiden Ländern ein Grab besuchen. Meine Frau will es auch so machen. Meine Übersetzung der Bibel in Kiikamba wird uns aber überleben: Ich möchte weiter Geld sammeln, damit diese Bibeln kostenlos an alle 3000 Primarschulen in Ukambani verteilt werden können.

Zentralkenia, wo der ehemalige Pfarrer von Burgdorf aufgewachsen ist, bleibt für John Mbiti wichtig. Mit seinen theologischen Arbeiten will er Brücken zwischen Afrika und Europa bauen.

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