Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

Ewiges Leben! – Wollt ihr das wirklich?

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Nein, diesen Namen hat er nicht verdient. Hydra wurde nach dem schlangenähnlichen Monster aus der griechischen Mythologie benannt, dem zwei neue Köpfe wachsen, sobald ihm einer abgeschlagen wird. Dabei ist Hydra bloss ein putziger kleiner Süsswasserpolyp mit filigranen Tentakeln, insgesamt kaum grösser als ein Zentimeter. Das Tierchen hält die Wissenschaft seit über 300 Jahren in Atem, seit bald zehn Jahren auch die ForscherInnen am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock.

Mit ihrer fortdauernden Langzeitstudie wollen die Rostocker WissenschaftlerInnen nichts weniger als die gängigen Theorien zur Evolution des Alterns über den Haufen werfen. Bislang galt für alle mehrzelligen Lebewesen: Wer sich fortpflanzt, altert. Gemessen wird dies an der sinkenden Fruchtbarkeitsrate sowie am steigenden Sterberisiko. Der körperliche Verfall wird zum Indikator für den näherrückenden Tod.

Nicht so bei der Hydra. Sie pflanzt sich unbeirrt fort und erfreut sich einer konstant extrem niedrigen Sterberate. Im Rostocker Labor kann man die natürlichen Todesfälle pro Jahr an einer Hand abzählen – und das bei über 1800 Polypen.

Die Tierchen werden einzeln in winzigen Glasschalen in Temperaturschränken im Keller gehalten. Dreimal pro Woche reicht ihnen das Forscherteam winzige Krebstierchen mit hauchdünnen Pipetten direkt in die Fangärmchen. Vollkommen isoliert vermehren sich die Polypen asexuell, indem sie Ableger ausknospen – vielleicht rührt daher ihr Name –, wobei ihnen die Nachkommen sofort weggenommen und in einer separaten Glasschale aufgezogen werden. Ihre ansonsten einzige Beschäftigung besteht darin, kaputte Körperteile zu ersetzen. Die Süsswasserpolypen schaffen es sogar, sich aus nur wenigen Zellen vollständig zu regenerieren. Eine Routine, die sie Tausende Jahre alt werden lässt und im Ernstfall Generationen von WissenschaftlerInnen am Max-Planck-Institut auf Trab halten wird.

Angesichts ihrer Lebensumstände stellt sich indes die Frage: Ist das auch erstrebenswert? Die ForscherInnen in Rostock berichten von ganz besonderen Todesfällen: «am Glasdeckel hängen geblieben und vertrocknet», «auf den Boden gefallen». Zufall … oder Verzweiflungstat?

Die Hydra, so viel steht fest, ist definitiv ein tragisches Ungeheuer.

Warum Polizisten umgangssprachlich als «Polypen» bezeichnet werden, steht hingegen auf einem anderen Blatt.

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