Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

«Wie kann Europa bloss diese Diktatur finanzieren?»

Der eritreische Menschenrechtsanwalt und Aktivist Daniel R. Mekonnen hat ein neu geschaffenes Schweizer Stipendium zur Unterstützung verfolgter SchriftstellerInnen erhalten.

Von Rahel Locher (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Ein Kämpfer für den demokratischen Wandel in Eritrea: Daniel R. Mekonnen.

Die Verärgerung ist Daniel R. Mekonnen deutlich anzumerken, wenn man ihn auf Zeitungsberichte über Eritrea anspricht. Wer wie gewisse Schweizer Medien infrage stelle, dass EritreerInnen politisch verfolgt würden, und bestreite, dass die Meinungsäusserungsfreiheit stark eingeschränkt sei, sage schlicht nicht die Wahrheit. «Weshalb würden denn sonst jeden Monat 5000 Menschen aus Eritrea fliehen?»

Auf dem Weg vom Luzerner Bahnhof in seine Wohnung erzählt der 42-jährige Jurist von seiner aktuellen Situation im Schweizer Exil. Im Moment pendelt er zwischen Luzern und Genf, dem Wohnsitz seiner ebenfalls aus Eritrea stammenden Frau und ihres gemeinsamen, sieben Monate alten Kindes. Vierzehn Monate hat es gedauert, bis seine Ehe in der Schweiz offiziell anerkannt wurde.

Seit November 2015 wohnt er in einer Atelierwohnung in Luzern, die das Deutschschweizer PEN-Zentrum dieses Jahr erstmals verfolgten AutorInnen zur Verfügung stellt (vgl. «Kulturelle Vielfalt Ja, Schutz Nein»). Sie ist im obersten Stock eines Bürogebäudes in der Innenstadt untergebracht. Bei einem Bier in der einfach eingerichteten Einzimmerwohnung mit Blick auf die verschneiten Alpen spricht Mekonnen in ruhigem, zurückhaltendem Tonfall über seine aktuellen Projekte.

Auf den Mai hin organisiert er in Genf eine Konferenz zur Unabhängigkeit Eritreas von Äthiopien, die sich heuer zum 25. Mal jährt. Verschiedene ExpertInnen werden die Erfolge – «wenn es denn welche gibt» – und Misserfolge des jungen eritreischen Staats zum Thema machen. Ein Buch mit Konferenzbeiträgen ist in Planung. Eigentlich würde er gerne wieder mehr Zeit der Poesie widmen. «Auch meine Gedichte drehen sich um Menschenrechte, ihnen gehört mein Hauptengagement», sagt Mekonnen. Die Gedichte verfasst er in seiner Muttersprache Tigrinya.

Kritik am eritreischen Regime

Seine lyrischen Texte erschienen regelmässig im Newsletter des Eritrean Movement for Democracy and Human Rights (EMDHR) in Südafrika, einer 2003 von Mekonnen mitbegründeten Basisorganisation. «Wir verschickten den zuerst wöchentlich, dann täglich erscheinenden Newsletter per Mail und per Post nach Eritrea. Ich schrieb oft die Editorials und Gedichte.» In Südafrika schloss Mekonnen auch sein Jurastudium ab.

Das Land sollte bald zu seinem ersten Exil werden. «Zwischen November 2002 und Februar 2003 ging ich in den Semesterferien für einen Forschungsaufenthalt nach Eritrea. Seither kann ich nicht mehr in meine Heimat zurück, weil ich mich immer wieder über die miserable Menschenrechtslage in Eritrea äussere.» Als die eritreische Botschaft in Südafrika im Jahr 2008 seinen Pass nicht mehr verlängern wollte, entschied er sich auszuwandern.

Mekonnen ist als Jurist auf Menschenrechte spezialisiert. Sein Jurastudium begann er an der Universität in Asmara, der Hauptstadt Eritreas. Er war einer der ersten HochschulabgängerInnen im seit 1991 unabhängigen Land. «Schon mit 26 arbeitete ich als Richter. Es gab gar keine anderen, die im neuen Staat ausgebildet worden waren.» Doch auch er blieb nicht vom «Nationalen Dienst» verschont, der militärische und zivile Aufgaben umfasst und viele Jahre dauern kann. Diese sklavenähnliche Verpflichtung ist bis heute ein wichtiger Fluchtgrund für EritreerInnen.

Von der aktuellen Lage in seinem Herkunftsland konnte sich Mekonnen kürzlich wieder ein detailliertes Bild machen, als er mit EritreerInnen im Exil Interviews führte, die in einen aktuellen Bericht des Uno-Menschenrechtsrats einflossen. Sein Fazit: «Die Lage in Eritrea verschärft sich zunehmend. Viele Menschen sehen das Regime als Killerregierung.» Nach der Veröffentlichung des Uno-Berichts im Juni 2015 führte der Nachrichtensender al-Dschasira ein Interview mit Mekonnen. Er habe sich im Interview dafür ausgesprochen, dass die internationale Gemeinschaft sich dafür einsetze, die im Bericht zusammengestellten Menschenrechtsverletzungen juristisch zu verfolgen. «In diesem Bericht geht es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie sollten vor dem Internationalen Strafgerichtshof verhandelt werden.»

Grösste Demo ausserhalb Eritreas

Seine regimekritische Haltung macht Mekonnen in den Augen der eritreischen Regierung unter Isayas Afewerki zum Verräter. Nach dem Interview mit al-Dschasira wurde er auf Twitter bedroht und erhielt auch schon anonyme Todesdrohungen per Telefon. «Ich gehöre aber nicht zu den Menschen, die sich einschüchtern lassen», erzählt er mit ruhiger Stimme. Trotzdem meldete er die Drohungen bei der Polizei in Genf, wo er seit Januar 2015 wohnte. Diese leitete eine Untersuchung ein und stellte ihm einen Beamten zur Verfügung, den er jederzeit kontaktieren kann.

Mekonnen lebte in verschiedenen europäischen Ländern, bevor er nach Genf zog. Im Sommer letzten Jahres organisierte er dort eine Demonstration, die auch vor den Genfer Sitz der Uno führte. Mit geschätzten 5000 TeilnehmerInnen war sie die grösste Demonstration, die je ausserhalb Eritreas gegen die Diktatur Afewerkis stattgefunden hat. Mekonnen leitete das siebenköpfige Organisationskomitee. Mit leuchtenden Augen und sichtlich zufrieden zeigt er Videoaufnahmen und Fotos auf seinem Laptop: Menschen mit Schildern auf Französisch, Englisch und den Schriftzeichen des Tigrinischen rufen Parolen, etwa «Down, down, Dictator». Und da ist Mekonnen selbst – in der vordersten Reihe. «Diese Demo ist Teil meines Menschenrechtsaktivismus. Sie gehört zu den grössten Erfolgen meines Lebens.»

Sichtbar ist auch seine Genugtuung über die deutlich schlechter besuchte Demonstration der RegimeanhängerInnen, die einige Tage zuvor stattgefunden hatte. Zwölf eritreische Botschaften aus ganz Europa waren an der Organisation beteiligt. «Es kamen bloss etwa 2000 Menschen, obwohl das Organisationskomitee in ganz Europa Busse zur Verfügung stellte, mit denen die Teilnehmer gratis nach Genf fahren konnten.»

Demokratischer Wandel

Zu den vielfältigen Tätigkeiten Mekonnens gehört auch das Übersetzen von Büchern. Besonders am Herzen liegt ihm eine Abhandlung des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Gene Sharp, die er ins Tigrinische übersetzt hat. «In diesem Buch geht es um den gewaltfreien Sturz eines Regimes und den Übergang zur Demokratie», sagt er. Eine Strategie der Transformation, in der er sich wiederfindet und die er unter seinen Landsleuten verbreiten möchte.

Mekonnen wirkt nicht entmutigt, wenn er über seinen Kampf für einen demokratischen Wandel in seiner Heimat spricht. «Es macht mich glücklich, auf der richtigen Seite zu stehen.» Wer nicht auf der richtigen Seite steht? Beispielsweise die europäischen Regierungen, die mit Eritrea Handelsbeziehungen pflegten. Sein Gesicht verdüstert sich: «Ich kann nicht verstehen, dass europäische Länder die eritreische Diktatur finanzieren.»

Ebenfalls stört ihn, dass die Situation in Eritrea immer wieder verharmlost wird – unter anderem auch, um Asylanträge von EritreerInnen abzulehnen. Mekonnen versteht das politische Kalkül inmitten von ökonomischen Problemen und dem Aufwind des Rechtspopulismus. Trotzdem ist ihm, der sich so eindringlich mit den Menschenrechtsverletzungen der eritreischen Regierung befasst, die Empörung deutlich anzumerken.

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