Writers in Exile : Kulturelle Vielfalt Ja, Schutz Nein

Nr.  3 –

Viele AutorInnen sind in ihrer Heimat an Leib und Leben bedroht. Die Schweiz könnte sie schützen, aber der politische Wille fehlt.

Illustration: Anna Sommer

Zum Beispiel Swetlana Alexijewitsch: Die weissrussische Autorin, die im Herbst mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, lebte während mehrerer Jahre im Exil. Zu gefährlich waren ihre Worte für die Mächtigen in ihrer Heimat. Unter anderem lebte sie von 2006 bis 2007 in Göteborg. Die schwedische Stadt ist Mitglied von Icorn (International Cities of Refuge Network), einer weltweiten Vereinigung von Städten, die sich zur freien Meinungsäusserung bekennen (vgl. «Städte der Zuflucht» im Anschluss an diesen Text). Als «Städte der Zuflucht» stellen sie AutorInnen, die in ihrer Heimat an Leib und Leben bedroht sind, für zwei Jahre eine Wohnung zur Verfügung, in der diese in Ruhe leben und arbeiten können.

Denn Swetlana Alexijewitsch ist kein Einzelfall: Das Writers in Prison Committee des internationalen SchriftstellerInnenverbands PEN zählt jährlich zwischen 800 und 900 Fälle von AutorInnen, die aufgrund ihrer Arbeit verfolgt werden. Doch die wenigsten haben wie Alexijewitsch die Möglichkeit, ein paar Jahre legal in einem für sie sicheren Land Unterschlupf zu finden.

Schwierige Geldsuche

Diese Tatsache treibt auch die in Zürich lebende Autorin Melinda Nadj Abonji schon länger um. Vor drei Jahren begann sie, sich näher damit auseinanderzusetzen, und stellte fest, dass es in der Schweiz zwar viele Stipendien für ausländische AutorInnen gibt, doch dass die Stipendiendauer jeweils auf ein paar Monate beschränkt ist. Eine Verlängerung ist unmöglich – auch AutorInnen, die in ihren Herkunftsländern an Leib und Leben bedroht sind, müssen nach Ablauf des Stipendiums zurück in ihre Heimat. Gemeinsam mit der Autorin Ulrike Ulrich und dem Musiker und Autor Adi Blum, der im Vorstand des Deutschschweizer PEN-Zentrums sitzt, begann Nadj Abonji, in Anlehnung an Icorn ein «Writers in Exile»-Programm für die Schweiz auf die Beine zu stellen. Bedrohten AutorInnen soll während zweier Jahre eine Wohnung zur Verfügung gestellt werden. Sie sollen ein Stipendium für ihren Aufenthalt in der Schweiz bekommen und ins literarische Leben hier eingebunden werden.

Den Start lancierten die OrganisatorInnen über die Crowdfundingplattform Wemakeit: Die erwünschten 6000 Franken, um das Projekt überhaupt anzugehen, hatten sie bis Ende 2013 zusammen. Doch bald merkten die drei, wie schwierig es ist, ein solches Programm zu finanzieren. «Für die Kulturstiftungen ist es attraktiver, wenn es sich nur um einen kulturellen Austausch handelt und nicht noch das Thema Zuflucht oder Gastfreundschaft mitspielt», sagt Adi Blum, «denn das ist ein soziokulturelles Thema, das entweder in den Stiftungszwecken gar nicht vorkommt oder in den Statuten sogar explizit ausgeklammert wird.»

Tatsächlich zeigt eine Nachfrage der WOZ bei verschiedenen Kulturstiftungen, dass sie das Projekt zwar für eine gute Sache halten, doch sind ihnen aufgrund ihrer Richtlinien die Hände gebunden. Bei vielen Stiftungen darf das Geld gemäss Statuten nur für Schweizer Kulturschaffende gesprochen werden. Bei anderen wiederum ist die Dauer des Aufenthalts der ausländischen Kunstschaffenden auf eine viel kürzere Zeitspanne festgelegt – denn im Vordergrund der Aufenthalte steht stets die kulturelle Bereicherung und nicht der Schutz der Kunstschaffenden. Das Interesse an Kunst steht im Zentrum – unter welchen Bedingungen diese entsteht und mit welchen Konsequenzen die KünstlerInnen aufgrund ihrer Arbeiten rechnen müssen, kümmert die geldgebenden Institutionen weniger.

Lange Warteliste

Ähnlich ist auch das Verständnis für Kulturförderung bei den meisten Städten. Man konzentriert sich lieber auf die Finanzierung von Ateliers im Ausland, in denen hiesige Kulturschaffende ein paar Monate lang wirken und sich verwirklichen können. Für eine Förderung, die überregional funktioniert oder sich gar um den Schutz bedrohter Kunstschaffender bemüht, ist weder ein Budget noch grosses Interesse vorhanden. Es ist denn auch keine einzige Schweizer Stadt Mitglied bei Icorn.

Nadj Abonji, Ulrich und Blum fanden mit der Stadt Luzern schliesslich doch noch eine Partnerin, die ihr Projekt unterstützt. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Atelier des 2004 im Tsunami in Thailand verstorbenen Journalisten und Schriftstellers Otto Marchi: Nach seinem Tod hat es die Stadt Luzern angemietet und als Gastatelier für KünstlerInnen betrieben. 2015 übergab sie die möblierte Wohnung dem Deutschschweizer PEN-Zentrum, das sie nun als Atelier für verfolge AutorInnen mietet. Ausserdem unterstützt die Stadt Luzern das «Writers in Exile»-Programm mit einem jährlichen finanziellen Beitrag.

Weshalb ist Luzern mit diesem Atelier als Basis nicht einfach Icorn beigetreten? «Wir unterstützen das Projekt, wollen aber nicht in einem weiteren Netzwerk Mitglied werden», sagt Rosie Bitterli, Chefin Kultur und Sport der Stadt Luzern. «Das haben wir nicht für nötig gehalten.» So trat kurzerhand das Deutschschweizer PEN-Zentrum dem Netzwerk bei. Ende letzten Jahres konnte das «Writers in Exile»-Programm dann umgesetzt werden – wenn auch nur für ein Jahr und nur als Pilotprojekt. Für mehr reicht das Geld der Stadt Luzern, der Landis-&-Gyr-Stiftung und des Deutschschweizer PEN-Zentrums als Trägerverein nicht. Im November 2015 ist mit dem eritreischen Autor und Menschenrechtsaktivisten Daniel Mekonnen nun der erste Gast in die Wohnung in Luzern eingezogen (vgl. «Wie kann Europa bloss diese Diktatur finanzieren?»).

Bei Icorn bleibt die Warteliste derweil lang: Über siebzig AutorInnen haben allein in der ersten Hälfte von 2015 eine Residenz in einer «Stadt der Zuflucht» beantragt, unter ihnen Bloggerinnen aus Bangladesch, Journalisten aus Eritrea und Äthiopien und Autorinnen aus Syrien, dem Irak, dem Iran und Afghanistan. Die wenigsten von ihnen werden es schaffen, in naher Zukunft in einer der Wohnungen der «Städte der Zuflucht» unterzukommen. Damit wächst auch die Gefahr, dass ihre Stimme verstummen wird.