Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Das Diktat von Jeffrey Immelt

Der US-Konzern General Electric streicht in der Schweiz 1300 Stellen. Die Geschichte eines globalen Imperiums, französischer Industriepolitik und eines kriselnden Kapitalismus, die im aargauischen Birr endet. Unter anderem beim Industriearbeiter Nikola K.

Von Yves Wegelin

Nikola K. fuhr vorletzten Mittwoch wie üblich mit dem Auto zur Arbeit. Als er dort pünktlich um 14 Uhr zur Nachmittagsschicht eintraf, erhielt er die Nachricht, er und seine Arbeitskollegen der bisherigen Produktionssparte Alstom Hydro sollten sich in ein Sitzungszimmer begeben. Dort verkündete ihnen ein Manager von General Electric (GE) – das Alstoms Energiesparte kürzlich geschluckt hatte –, die Produktion von Wasserturbinen werde Ende des Jahres eingestellt. Erst auf wiederholte Nachfrage der Arbeiter, was das für sie bedeute, sprach der Manager Klartext: Die Jobs werden gestrichen.

Inzwischen sind ein paar Tage vergangen. Nikola K. sitzt in der hintersten Ecke einer Beiz in Lupfig südlich von Brugg im Aargau. Lupfig grenzt an Birr, wo die Produktionshalle der bisherigen Alstom liegt, in der Nikola K. seit Jahren arbeitet. Ursprünglich hatten wir in einer Beiz gleich gegenüber dem Eingang zum Alstom-Areal abgemacht. Kurz vor dem Gesprächstermin kam ein SMS mit der Bitte, dass wir uns hier in Lupfig treffen: «Alstom hat uns verboten, mit Journalisten zu reden», sagt Nikola K. (eine Darstellung, die GE auf Nachfrage bestreitet). Die Gefahr, in der anderen Beiz von Vorgesetzten gesehen zu werden, sei zu gross. Das ist auch der Grund, warum er nur unter Pseudonym reden will – zahlreiche andere MitarbeiterInnen, die die WOZ für ein Gespräch anfragte, lehnten ab. «Ich habe Angst, dass sie mir sonst fristlos kündigen», sagt Nikola K.

Ganz überraschend kam die Hiobsbotschaft für den gut Fünfzigjährigen, der Ende der achtziger Jahre mit Anfang zwanzig aus dem Balkan in die Schweiz kam, allerdings nicht. Jüngst seien kaum noch Aufträge hereingekommen. Zudem seien in Birr immer wieder spanische Arbeiter aus Bilbao aufgetaucht, wo der Konzern kürzlich eine neue Fabrik für Wasserturbinen gebaut hat. Schliesslich wurde letzten Oktober sein Chef ohne Ankündigung über Nacht ausgewechselt. «Wir merkten, dass etwas los ist. Doch die Chefs sagten uns, alles sei in Ordnung.»

Die Folgen der Finanzkrise

Angefangen haben die Probleme für den französischen Konzern Alstom jedoch bereits 2008, als Grossbanken die Welt in eine tiefe Finanzkrise stürzten. Seither steckt die Wirtschaft weltweit im Tief. Mit diesem ist auch die Nachfrage nach Energie gesunken. Hinzu kommt, dass China sich langsam weg von der Industrie hin zur Dienstleistungswirtschaft bewegt, die weniger Energie benötigt. Und schliesslich wird ein immer grösserer Teil der Nachfrage durch erneuerbare Energien gedeckt. All das bedeutet, dass kaum noch jemand in Kraftwerke investiert. Und so kam es, dass die grossen Energieriesen ihre schwächeren Konkurrenten zu schlucken begannen. 2014 entbrannte zwischen Siemens, Mitsubishi und GE ein Kampf um die Energiesparte von Alstom. Am Ende erhielt GE den Zuschlag.

Das rief die französische Regierung auf den Plan. Seinen nationalen «Champion» wollte Frankreich nicht einfach so einem US-Konzern überlassen. Der damalige Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg zwang Alstom, Frankreich zum grössten Aktionär des Konzerns zu machen, der insbesondere in der Atomenergie als eigenständige Firma mit GE in einem Joint Venture weitergeschäftet. Damit sichert sich Frankreich im Nukleargeschäft eine Mitsprache. Zudem rang Montebourg GE das Versprechen ab, tausend neue Arbeitsplätze in Frankreich zu schaffen. Der Minister drohte, den Deal ansonsten zu blockieren.

An einer Pressekonferenz, die live im Fernsehen übertragen wurde, verkündete der Wirtschaftsminister Mitte 2014 die Rückkehr der französischen Industriepolitik: «Es ist ein Sieg für Alstom, ein Erfolg für Frankreich und ein unbestreitbarer Erfolg für die gewaltige Rückkehr des Staates in der Wirtschaft.»

Tatsächlich erhielt GE von Alstom ansonsten alles, was es wollte, insbesondere die Produktion von Dampf- und Gasturbinen. Ende 2015 gaben auch die WettbewerbshüterInnen in Brüssel grünes Licht für den Deal – unter der Auflage, dass ein Teil des Gasturbinengeschäfts an die italienische Firma Ansaldo geht. Früher warnte man bei einer solchen Gigantenhochzeit vor einer Monopolisierung des Markts. Heute nennt sich das: Konsolidierung.

GE stärkt mit der Übernahme der Alstom-Energiesparte sein globales Imperium, mit dem es jährlich 150 Milliarden US-Dollar umsetzt. Auf der vom «Fortune»-Magazin zusammengestellten Liste der weltweit grössten Konzerne rangiert es auf Platz 24. CEO Jeffrey Immelt waltet in einer Art Planwirtschaft über weltweit 305 000 Angestellte.

Unattraktiver Standort Schweiz

Als sich 2014 die Übernahme von Alstom durch GE abzuzeichnen begann, war den Schweizer Behörden klar, dass der Konzern auch hierzulande Stellen abbauen würde. Der Aargauer Regierungsrat Urs Hofmann (SP) traf sich insbesondere im letzten halben Jahr mehrmals mit der Leitung von GE, um für den Standort Schweiz zu werben. Erschwerend kam der Schweizer Franken hinzu: Nachdem Nationalbankchef Thomas Jordan vor einem Jahr den Mindestkurs aufgegeben hatte, wurde die Währung teurer. Die Schweiz wurde unattraktiver.

Nun hat General Electric also informiert. Neben 1700 Stellen in Deutschland, 570 in Britannien und knapp 800 in Frankreich sollen auch in der Schweiz 1300 Stellen gestrichen werden, darunter jene der bisherigen Alstom Hydro. Betroffen sind sämtliche Standorte: Baden, Birr, Dättwil, Turgi und Oberentfelden. Anders als die Arbeiter der bisherigen Alstom Hydro (deren Entlassung von einer weiteren Quelle bestätigt wird) wissen die anderen Angestellten jedoch noch nicht, wen von ihnen es treffen wird. Gemäss einem internen GE-Papier, das der WOZ vorliegt, werden die Stellen über alle Abteilungen hinweg gestrichen.

Nun beginnen die Konsultationen zwischen GE und der Vertretung der Angestellten. Es soll geprüft werden, wie Entlassungen etwa durch Frühpensionierungen oder Kurzarbeit abgewendet werden können. Dabei will sich auch der Kanton einbringen. Thomas Buchmann, Leiter des aargauischen Wirtschaftsamts, bleibt allerdings realistisch: Vielleicht werde man da und hier etwas Kleines herausholen können. «Doch meine Hoffnungen sind nicht gross.»

«Die Jobs sind einfach weg»

Nikola K. ist wie vor den Kopf geschlagen. Die Gewerkschaften wollen diesen Samstag auf die Strasse, doch unter seinen Kollegen, sagt Nikola K., sei der Kampfgeist gering. Es herrsche Angst. Am meisten frustriere ihn, dass GE ihnen vor der Kündigung nicht die Möglichkeit gegeben habe, ihre Arbeitsplätze zu retten – durch Kurzarbeit, schnelleres Arbeiten, irgendwas. «Aber nein, man wirft uns weg – wie einen alt gewordenen Gegenstand.» Die Chefs und Aktionäre hätten lange Zeit gut verdient. Nun hätte man doch von ihnen erwarten können, dass sie für die Arbeiter einstehen.

Nikola K. weiss nicht, wie es nun mit ihm weitergeht. Er und viele seiner Arbeitskollegen sind zwischen fünfzig- und sechzigjährig. «Im blödsten Alter, um eine neue Stelle zu finden.» Vielleicht finde er einen Job auf dem Bau, allerdings sei er auch nicht mehr der Jüngste. Und sonst? Hat er eine Frau, die Geld nach Hause bringt? Wird er vielleicht in einem anderen Kanton oder einem anderen Land nach Arbeit suchen? Hat er Kinder, deren Ausbildung er bezahlen muss? Nikola K. will nicht weiter von sich erzählen. Es tue ihm leid, sein Kopf sei voller Gedanken, doch es sei noch zu früh, um darüber zu reden. Zudem wolle er nicht, dass ihn jemand erkenne. Nur so viel: Er sei mehrfacher Familienvater.

Im Grunde sei das aber schon eigenartig, bemerkt der Mann, auf dessen T-Shirt das Alstom-Logo prangt: Müsste es in einem Land wie der Schweiz nicht möglich sein, ohne Angst offen reden zu können?

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