Nr. 04/2016 vom 28.01.2016

Kramen im kollektiven Unbewussten

Von Bettina Dyttrich

«… und ein Löffel für die internationale Finanzlobby!» Bundesrat Johann Schneider-Ammann füttert einen Spekulanten. Ein hungriges Kind schaut traurig zu. Mit diesem Cartoon des Walliser Zeichners Igor Paratte hat die Juso bis vor einigen Tagen für ihre Initiative gegen Nahrungsmittelspekulation geworben. Der Spekulant trägt nicht nur einen Zylinder. Er hat auch Schläfenlocken.

«Das sind doch bloss Koteletten!», werden nun garantiert einige einwenden. Ach wirklich?

«Das sind doch bloss Sheriffsterne!», behaupteten jene Wef-GegnerInnen in den nuller Jahren, die Masken von US-Politikern und grosse, sechszackige, gelbe Sterne trugen und um ein selbst gebasteltes Goldenes Kalb tanzten. Immer das gleiche Spiel: Man nimmt ein verfängliches Symbol und gibt sich ahnungslos, wenn jemand protestiert. Immerhin hat die Juso sofort reagiert, den Cartoon vom Netz genommen und sich entschuldigt. Dass sie es nicht selbst gemerkt hat, ist allerdings peinlich genug.

Die Liste der antisemitischen Motive, mit denen die Nazis ihre Zeitungen verzierten, ist nicht endlos: Kraken, Marionettenspieler, triefäugige Spekulanten mit Hakennase, Zylinder und Zigarre, der Tanz ums Goldene Kalb, Ungeziefer- und Tiermetaphern. Wer die obligatorische Schule abgeschlossen hat, sollte eigentlich davon gehört haben. Trotzdem behauptete der Zeichner, der für die Zürcher Occupy-Bewegung Spekulanten und Kraken gezeichnet hatte, allen Ernstes, davon habe er noch nie gehört: «Ich kenne diese Sujets nicht. Auf die Idee bin ich selbst gekommen» (siehe WOZ Nr. 42/2012).

Vielleicht stimmt das ja sogar – Schweizer Schulen sind bekannt dafür, dass sie die alten Römer dreimal durchnehmen und dann keine Zeit mehr für das 20. Jahrhundert haben. Wer noch nie von der Nazizeitung «Stürmer» gehört hat, kann diese Sujets ganz unbefangen aus dem kollektiven Unbewussten hervorkramen. Und ist dann sehr empört, wenns jemanden stört. Oder kommt mit dem allergrössten Schlaumeierargument: «Es geht ja nicht um Juden, also kann es auch nicht antisemitisch sein.»

Vielleicht hilft ja der Lehrplan 21?

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