Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Wie haben Sie als Tochter muslimischer Einwanderer die Debatte um Köln erlebt?

Shpresa Jashari über «Importbräutigame», Begriffshülsen und die Gefahr, Menschen in Schubladen zu stecken.

Von Jan Jirát (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Shpresa Jashari: «Wenn grundsätzlich klar wäre, dass Leute wie ich hier dazugehören, könnte ich mich sicher fühlen, bei all dem mitzudiskutieren.»

WOZ: Shpresa Jashari, Sie forschen zurzeit an der Universität in Neuenburg zu Migration. Worüber genau?
Shpresa Jashari: In der Nationalfondsstudie, an der ich mit Joëlle Moret und der Professorin Janine Dahinden arbeite, geht es um Ehen zwischen in der Schweiz aufgewachsenen Personen mit jemandem aus dem Herkunftsland der Eltern. Das Thema wird in der Schweiz seit Jahren kontrovers diskutiert. Transnationale Ehen sind längst keine Privatsache mehr, sondern Gegenstand der Politik. Im öffentlichen Diskurs werden diese skandalisiert und unter den Generalverdacht von Konflikt und Missbrauch gestellt. Und das, obwohl solche Ehen längst Teil der europäischen und globalen Normalität sind.

Gilt diese Normalität von transnationalen Ehen auch für die Schweiz?
Solche transnationalen Ehen und Familien sind aus der heutigen, sich über nationale Grenzen hinaus erstreckenden Alltagsrealität der Menschen nicht mehr wegzudenken – auch in der Schweiz. Familien, deren Angehörige allesamt im selben Land leben, werden wohl zunehmend zur Ausnahme. Für den Nationalstaat stellt diese Realität jedoch eine Herausforderung dar – aus Sicht gewisser Leute gar eine Bedrohung. Diese Wahrnehmung hat im Lauf der letzten zehn Jahre zu etlichen rechtlichen Verschärfungen geführt.

Sie meinen beispielsweise die Gesetzesartikel zu «Zwangsehen» oder sogenannten «Scheinehen»?
Ja, unter anderem. Ein Punkt, der mich dabei besonders interessiert, ist die Funktion von Geschlechterrollen. Denn solche Gesetzesbestimmungen, respektive deren Umsetzung durch die Behörden, begleitet oft ein ganz bestimmter Subtext: Darin erscheinen Männer, gerade muslimische, als gewaltbereite Patriarchen und Frauen als deren wehrlose Opfer. Ohne Fälle verharmlosen zu wollen, in denen Frauen Zwangs- und Gewaltsituationen ausgesetzt sind, ist doch deutlich zu beobachten, wie dieses Bild zu einer weitverbreiteten Schablone im Migrationsdiskurs geworden ist. So auch in der Medienberichterstattung über transnationale Ehen, wo immer wieder von «Importbräuten» die Rede ist, nie aber von «Importbräutigamen».

Es gibt sie aber, diese ausländischen Ehemänner, die in die Schweiz «importiert» werden?
Na ja, von «importieren» würde ich nicht sprechen, aber sicher, es sind vielfach auch Männer, die per Familiennachzug in die Schweiz kommen. Zunächst mal ist zu sagen, dass diese Ehen genauso vielfältig sind wie andere und im Normalfall nicht konflikthaft. Und dann beobachten wir, dass Männer in ihrer ersten Zeit in der Schweiz ebenso zu kämpfen haben oder in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Frauen und deren Familien stehen können. Doch diese Erlebnisse sind nicht verwertbar für den hiesigen Mainstreamdiskurs – schon gar nicht für populistische Politik. Der «männliche Migrant» nützt nur als einer, der Probleme verursacht, nicht aber als einer, der unter Problemen leidet.

Zuletzt wurde die Schablone des gewaltbereiten, patriarchalen und muslimischen Unterdrückers ganz exzessiv nach den Ereignissen in Köln verbreitet. Wie haben Sie diese Debatte empfunden?
Hier wird es für mich schwierig, meine Rolle als Forscherin zu trennen von derjenigen als Beobachterin dieser Debatte allgemein und als «Einwanderertochter» im Besonderen. Als Forscherin hat mich diese Funktionalisierung der Kategorie Geschlecht nicht überrascht, da ich jene Schablone ja schon gut kannte. Mit dem Unterschied, dass es in Bezug auf Köln nicht mehr die vermeintlich «eigenen» Frauen waren, die als Opfer der Migranten fungierten, sondern die deutschen, blonden Frauen – wie das rassistisch aufgemachte Cover des Magazins «Focus» gezeigt hat. Eine solche Logik ist nicht nur hochgradig diskriminierend und gefährlich, sie vermag auch nichts Wesentliches zu erklären durch ihren Rückgriff auf eine Vorstellung von «Kultur», die als reine Begriffshülse daherkommt.

Und was könnte man dieser Begriffshülse entgegensetzen?
Ich habe das neulich intensiv mit zwei befreundeten Sozialwissenschaftlerinnen diskutiert. Die eine warf zu Recht die Frage auf, ob wir uns den Begriff der Kultur nicht zurückerobern müssten, statt ihn der populistischen Deutung zu überlassen. Für mich ist das jedoch kaum möglich – und hier spielt wohl meine Biografie rein.

Mal ganz abgesehen davon, wie viel irgendein Kulturbegriff tatsächlich zur Klärung der Debatte beitragen kann, ist der Punkt doch der: Unserer Gesellschaft fehlt zurzeit die Grundlage für eine offene, gemeinsame Diskussion solcher Fragen. Wenn grundsätzlich klar wäre, dass Leute wie ich hier dazugehören, könnte ich mich sicher fühlen, bei all dem mitzudiskutieren. Doch so, wie die Dinge zurzeit stehen, mit all diesen Beschwörungen kultureller Differenz, wird ein Graben aufgetan, der schwer zu überwinden ist: «wir» und «unsere westlichen Werte» gegen «die» und «deren patriarchale Veranlagung». Hätten Sie Lust, mit Leuten zu diskutieren, für die sowieso schon klar ist, wer Sie sind und wie «Ihre Kultur» ist?

Shpresa Jashari (34) ist Sprach- und Sozialwissenschaftlerin. Mit der Entscheidung, an dieser Interviewreihe teilzunehmen, hat sie zunächst auch deshalb gehadert, weil diese Rolle oft nicht leicht zu trennen ist von derjenigen als Seconda und Aktivistin.

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