Nr. 06/2016 vom 11.02.2016

Ihr Lehrer hat Sie trotzdem nicht für die Sek empfohlen?

Shpresa Jashari hat früher ihre selbstbewussten Cousinen aus Basel bewundert. In Hallau verbündete sie sich mit Aussenseiterinnen.

Von Jan JirátMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Shpresa Jashari: «Heute denke ich, dass beim Lehrer die rassistischen Kategorisierungen ­automatisch wirkten: Ausländer gehören halt in die Real – im besten Fall.»

WOZ: Shpresa Jashari, letzte Woche sagten Sie, Sie hätten im Schaffhauser Winzerdorf Hallau, wo Sie aufgewachsen sind, «nicht unbedingt die besten Erfahrungen gemacht». Was heisst das konkret?
Shpresa Jashari: Da muss ich erst mal klar sagen: Es geht dabei wirklich nicht um ein bestimmtes Dorf. Diskriminierende Erfahrungen kann man leider überall in der Schweiz machen, wenngleich diese auf dem Land wohl anders daherkommen als in der Stadt, wo man mehr Möglichkeiten hat, sein eigenes Ding zu machen oder sich mit anderen zusammenzutun. Ich war immer total verblüfft, wenn ich sah, wie anders sich etwa meine Cousinen und Cousins in Basel oder Schlieren durch die Strassen bewegten.

Was genau war anders?
Sie waren selbstbewusst, gelassen, als wären sie bei sich zu Hause. Auch ihre Sprache war eine andere, witzig und schlagfertig. Ich kam mir daneben immer etwas verklemmt vor, ständig damit beschäftigt, die Erwartungen der Leute um mich herum zu lesen. Wenn ich so zurückdenke, sehe ich mich eigentlich immer in irgendwie geduckter Haltung.

Sie hatten nicht das Gefühl, zu Hause zu sein?
Na ja, kommt ganz darauf an, wo ich war und in wessen Gesellschaft. In der Natur draussen war es super oder bei meinen beiden Freundinnen daheim – die waren auch Aussenseiterinnen, allerdings nicht wegen des Ausländerlabels. Die eine war die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, was gewissen Leuten bereits suspekt war. Dann begann sie mit Piercen und Haarefärben: pink, grün, blau. Das schockte im Dorf. Und die andere war und ist sonst irgendwie von einem anderen Stern, da gibts kein Label dafür. Rückblickend schufen wir uns einen Resistenzraum, wo wir die Anpassungserwartungen unseres Umfelds oder eben diskriminierende Erfahrungen reflektierten und einfach eine gute Zeit haben konnten.

Nun haben Sie noch immer nichts Konkretes über Ihre Erfahrungen gesagt …
Es ist nicht einfach, auf einer persönlichen Ebene von diesen Dingen zu sprechen, ohne sich selbst oder die eigene Familie in eine Opferrolle zu bringen. Besonders meinen Eltern, die in Hallau in lokalen Firmen seit über dreissig Jahren harte Arbeit leisten, wird diese Rolle nicht gerecht.

Aber ich kann gerne ein Beispiel nennen, das heute leider immer noch Thema ist in unserer Gesellschaft: Bei uns trat man nach der sechsten Klasse entweder in die Real- oder in die Sekundarschule ein. Der Übertritt in die Sek war zwar durch eine Prüfung geregelt, doch es war die Lehrperson, die einen schliesslich empfahl. Bei meinem Beratungsgespräch legte mir der Lehrer ans Herz, die Prüfung nicht zu probieren. Ich wäre nur enttäuscht, wenn es nicht klappen würde, meinte er. Ausserdem sei es besser, eine gute Real- als eine schlechte Sekschülerin zu sein. Ich verstand die Welt nicht mehr: Meine Noten, die er selbst mir gegeben hatte, lagen zwischen mindestens 4,5 und 6. Warum sollte es nicht klappen?

Sie sind dann aber dennoch zur Prüfung angetreten …
Ja, meine Eltern bestärkten mich sehr darin. Für sie war klar: Ich schaffe das. Das hat mich getragen. Obwohl mir klar war, dass sich meine Eltern mit diesen Schulsachen nicht gut auskannten, glaubten sie einfach an mich, weil ich ihre Tochter war. Die Überzeugung meines Lehrers, dass ich nicht in die Sek gehörte, hat mich aber in den Monaten vor der Prüfung ordentlich zittern lassen. Als ich dann endlich den Brief mit den Resultaten bekam, traute ich meinen Augen kaum: Ich hatte es locker über die notwendige Vierergrenze geschafft.

Wie erklären Sie sich den Widerspruch, dass Ihr Klassenlehrer Ihnen zwar gute Noten gab, Sie aber trotzdem nicht für die Sekundarstufe empfohlen hat?
Aus damaliger Perspektive war das alles sehr verwirrend. Ich hatte während der zwei Schuljahre bei ihm ab und zu das Gefühl, dass er nicht viel von mir gehalten hat, und ich vermutete, es könne etwas damit zu tun haben, dass ich eine «Jugo» war. Andererseits gab er mir ja gute Noten, und es gab sogar Momente, wo er meine Zeichnungen vor der ganzen Klasse lobte. Heute denke ich, dass er keine bewusst rassistische Haltung hatte, sondern die rassistischen Kategorisierungen schlichtweg automatisch wirkten: Ausländer gehören halt in die Real – im besten Fall.

Man spricht oft über den individuellen Rassismus, der von Personen ausgeht – und sei es unbewusst, wie bei Ihrem Lehrer. Wäre es nicht wichtig, auch endlich über den strukturellen Rassismus zu reden?
Ich wünsche mir eine breite öffentliche Diskussion über die Wirkungsweise von Rassismus. Über rassistische Vorstellungen, die in der heutigen Gesellschaft wirken. Denn nur dann hat man eine Chance, solche Automatismen, wie sie offenbar im Kopf meines Lehrers abliefen, sichtbar zu machen und zu unterbinden. Gleichzeitig sind strukturelle Mechanismen wie Prüfungen wichtig, um Diskriminierungen zu vermeiden. Es sind Instrumente, die dabei helfen, der Willkür von Einzelpersonen in den Institutionen ein Stück weit entgegenzutreten. Ohne Sekprüfung würde dieses Interview wohl nicht stattfinden.

Die Sozialwissenschaftlerin Shpresa Jashari (34) lebt in Zürich. Nach Hallau geht sie regelmässig, um ihre Eltern zu besuchen. Ihre Aussenseiterfreundinnen sind mittlerweile auch Zürcherinnen.

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