Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

«Immer nur redet ihr über uns»

Demokratische Mitsprache und die Teilnahme an der Gesellschaft – das sei ja schon eine schöne Idee, sagt Tülay Korkmaz. Doch zuerst bräuchten viele MigrantInnen einen Ausweg aus der Armut.

Von Sina Bühler (Text) und Michael Schoch (Foto)

Tülay Korkmaz: «Wir müssen unsere Realität selber schildern können. Auf Deutsch, aber in unserer eigenen Sprache.»

«Die Ausländer sind hier, ob einem das passt oder nicht», sagt Tülay Korkmaz, «und daran wird sich auch nichts ändern.» Die Suche nach einer Möglichkeit, auch MigrantInnen an der Gesellschaft und der Demokratie zu beteiligen, beschäftigt die Türkin seit ihrer Ankunft in der Schweiz vor 28 Jahren.

Wäre das Ausländerstimmrecht die Lösung? Sie schüttelt den Kopf, winkt ab, breitet dann die Hände aus und sagt: «Später. Zuerst braucht es den Mindestlohn.» Viele MigrantInnen seien in einer ständigen wirtschaftlichen Notsituation – und Armut mache asozial, führe zu Sprachproblemen, zu Konflikten.

Mit der Armut kämpft die 58-jährige St. Gallerin selber ständig. Sie arbeitet als Dolmetscherin, aber an gut bezahlte Aufträge kommt sie selten. Die gesellschaftliche Isolation konnte sie trotzdem überwinden: «Ich rede halt mit allen, so habe ich Deutsch gelernt. Und im Unterschied zu den meisten Migrantinnen lese ich sehr viel, Sachbücher, Romane. Ich zwinge mich aber auch, die Zeitung zu lesen. Auch dann, wenn es wenig Spass macht.»

Applaus vom Publikum

Wie das demokratische Recht auf Mitsprache eingefordert werden kann, interessiert Tülay Korkmaz trotzdem, deshalb nahm sie auch am Kongress «Wir alle sind Zürich» teil (siehe WOZ Nr. 6/2016). Es sei ein guter, interessanter Tag gewesen. Doch ganz am Schluss ergriff sie das Wort und warf den Teilnehmenden vor, auf einem sprachlichen Niveau zu diskutieren, das MigrantInnen überfordere. «Das ist überall so, und es hat mich wütend gemacht», sagt sie. Genauso wie die Tatsache, dass auf dem Podium niemand sass, mit der sie sich hätte identifizieren können. Keine Migrantin der ersten Generation, die auch nach langer Zeit in der Schweiz nach dem passenden Wort suchen muss.

Es gab grossen Applaus im Publikum, sie selber sei den Tränen nah gewesen. Sie erklärt, warum sie sich aufregt: «Immer nur redet ihr über uns. Erklärt uns, was wir aus eurer Sicht brauchen. Das ist gut gemeint und mag zum Teil auch stimmen. Trotzdem müssen wir unsere Realität selber schildern können. Auf Deutsch, aber in unserer eigenen Sprache.»

Sie regt sich deshalb auch auf, wie Integrationsfachstellen und wohlmeinende Organisationen die AusländerInnen aus der Isolation holen wollen – mit Flyern beispielsweise. «Das bringt doch nichts! Türkinnen zum Beispiel lesen sehr wenig, dafür lieben sie es, Gäste zu empfangen. Warum gehen diese Fachleute nicht einfach von Tür zu Tür? Warum erkundigen sie sich nicht bei den Schlüsselfiguren der Gemeinschaft, wie sie an die Migranten und Migrantinnen herankommen?» Dass niemand danach fragt, heisst nicht, dass Korkmaz das nicht erzählen will. Deswegen kandidiert sie auf der Liste der Grünen für den St. Galler Kantonsrat. Am kommenden 28. Februar sind Wahlen.

Im Schulzimmer verhaftet

Eine Ausländerin, das bleibt sie auch nach ihrer Einbürgerung und nach bald drei Jahrzehnten in der Schweiz. 1988 hatte sie es mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn dank Botschaftsasyl endlich über die Grenze geschafft. Hinter sich hatten sie eine monatelange Odyssee zu Fuss durch Osteuropa und ein fünfjähriges Leben im Untergrund.

Sie selbst war mehrere Jahre im Gefängnis. «1980, während des Militärputschs, arbeitete ich in einem Dorf in der Nähe von Sivas in der Mitte der Türkei als Lehrerin. Wir versuchten, aus unserem Verband eine Gewerkschaft zu machen. Sie verhafteten mich aus dem Unterrichtszimmer heraus, vor den Augen der Kinder.» Fünf Monate lang wurde Tülay Korkmaz in Einzelhaft gefoltert. Nach drei Jahren ohne Urteil wurde sie in den Hausarrest freigelassen.

Als ihr Verlobter sie bat, ihn in Istanbul zu heiraten, ging sie einfach zu ihm – ohne der Polizei oder ihrer Familie Bescheid zu sagen. Dort erfuhr sie, dass sie zu dreizehn Jahren Haft verurteilt worden war, und konnte nicht mehr zurück. «Wir versteckten uns, wechselten alle paar Monate die Wohnung – jedes Mal, wenn wieder Freunde festgenommen worden waren.» Inzwischen war ihr Sohn auf die Welt gekommen, der auf dem Papier nicht existierte. Sie baten Freunde, ihn zu adoptieren, damit er eingeschult werden konnte. Doch alle lehnten ab, sie hatten Angst. Schliesslich flüchtete die Familie mit falschen Pässen.

«Ich hatte nur zwei Wünsche, als ich in der Schweiz ankam», erzählt Tülay Korkmaz. «Ich wollte mein Trauma aus dem Gefängnis verarbeiten und einen Beruf lernen. Beides hat nicht geklappt.»

Als Lehrerin konnte sie in der Schweiz nicht mehr arbeiten, darum plante sie eine Ausbildung als Kleinkindererzieherin. Doch irgendwie lief alles schief, mehrere Male wurde sie vertröstet, gut meinende Chefs und Sozialarbeiter rieten ihr davon ab. «Jetzt lernt meine 21-jährige Tochter, die in der Schweiz geboren ist, diesen Beruf», sagt sie. Und darauf ist Tülay Korkmaz sehr stolz.

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