Nr. 08/2016 vom 25.02.2016

Hollywood als Religion

Von Daniela Janser

Ein Film über das Leben von Christus aus Sicht der Römer. Ein unverheirateter, schwangerer Filmstar (Scarlett Johansson), der langsam nicht mehr in den smaragdgrünen Fischschwanz für das Wasserballett hineinpasst. Ein Westernheld (Alden Ehrenreich), der zwar wunderbar reiten und singen kann, aber mit gespielten Gefühlen und Dialogen seine Mühe hat. Zwei Klatschkolumnistinnen (Tilda Swinton in einer Doppelrolle), die sich mit den dreckigen Geheimnissen der Stars profilieren wollen. Das sind nur ein paar der Schwierigkeiten, mit denen sich Problemlöser vom Dienst Eddie Mannix (Josh Brolin) jeden Tag herumschlagen muss.

«Hail, Caesar!», der neue Film der Gebrüder Coen, zehrt von der Situationskomik solcher Konstellationen, aber auch von einem smarten und witzigen intellektuellen Überbau. Wir sind in den Fünfzigern. Die grossen Glaubenssysteme der USA in der Nachkriegszeit sind zumindest scheinbar intakt: christlicher Glaube, Kampf gegen den Kommunismus, zwingende Heterosexualität, heile Familie.

Doch hinter den Kulissen des Filmstudios und der Realität sieht alles etwas anders aus. Der aparte Musicalheld (Channing Tatum) ist vermutlich schwul, und Baird Whitlock (George Clooney), der wichtigste Publikumsmagnet des Filmstudios, wird von kommunistischen Komparsen und Drehbuchautoren entführt. Sie wollen nicht nur ein Lösegeld erpressen, sondern den etwas dämlichen Whitlock auch gleich zu ihrer Sache bekehren. Derweil der gestresste Problemlöser Mannix verschiedene Religionsvertreter zur Aussprache über die Darstellung von Jesus lädt, um mit dem Film nur ja niemanden zu beleidigen. Worauf ein Streit zwischen den christlichen Würdenträgern und dem Rabbi ausbricht, ob Jesus nun Gottes Sohn (der Standpunkt der Christen) oder Gott einfach ein «wütender Junggeselle» und Jesus sowieso ziemlich unwichtig sei (sagt der Rabbi).

Die Pointe von «Hail, Caesar!» ist natürlich, dass das wahre Glaubenssystem der USA das Kino selbst ist. Wobei man in Hollywood den Studioboss als Gottvater immerhin ab und zu telefonisch um Rat fragen kann.

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