Nr. 14/2016 vom 07.04.2016

Der Datenzugang bleibt beschränkt

Von Jan Jirát

Seit Sonntag stehen die sogenannten Panama Papers im Fokus der Weltöffentlichkeit. Dabei handelt es sich um ein gigantisches Datenleck, das 11,5 Millionen Dokumente umfasst. Diese stammen von der panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca, die auch in Zürich und in Genf Ableger hat. Die Firma ist darauf spezialisiert, Offshorestrohfirmen für vermögende KundInnen aus der ganzen Welt zu kreieren.

Die Berichterstattung über die Panama Papers ist zunächst eindrücklich: Insgesamt 376 JournalistInnen von über 100 Medienunternehmen aus 76 Ländern haben den Datensatz in den letzten Monaten analysiert und veröffentlichen seit Sonntag ihre Berichte. Diese koordinierte internationale Zusammenarbeit ist erfreulich und sinnvoll. Die Wirtschaft mit ihren Märkten und Finanzströmen läuft längst global ab, eine kritische journalistische Auseinandersetzung damit kann nur nationenübergreifend funktionieren.

Eindrücklich ist aber angesichts der vielen Beteiligten auch, dass das Datenleck bis zum letzten Sonntag unter Verschluss gehalten wurde. Es ist nämlich über ein Jahr her, seit eine anonyme Quelle die «Süddeutsche Zeitung» kontaktierte und ihr auf verschlüsseltem Weg die Dokumente über das Geschäftsgebaren der Kanzlei Mossack Fonseca übermittelte. Der Datensatz war derart gross, dass die «Süddeutsche» diesen unmöglich alleine sinnvoll auswerten konnte.

Also wandte man sich an das Internationale Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ) in Washington. Das internationale Recherchenetzwerk ist ein Projekt des Center for Public Integrity, einer Organisation, die hauptsächlich von namhaften US-Stiftungen finanziert wird. Das ICIJ hat schon bei den als Swissleaks und als Luxleaks betitelten Finanzdatenlecks die internationale Koordination der Datenbearbeitung und Berichterstattung übernommen.

Im ARD-Medienmagazin «Zapp» wurde diese Vorgehensweise als «radikales Teilen» gerühmt. Doch das ist es keineswegs. Vielmehr handelt es sich beim journalistischen Grossmanöver rund um die Panama Papers um ein geschlossenes System, in dem das ICIJ die Rolle des sogenannten Gatekeepers spielt: Das US-amerikanische Konsortium ist der Akteur, der bestimmt, wer Zugriff auf die Daten hat. Ob dieser Zugriff künftig erweitert wird, ist fraglich. Die neben dem ICIJ federführende «Süddeutsche Zeitung» hielt klipp und klar fest, sie werde «die Daten nicht der Allgemeinheit zur Verfügung stellen».

Anders die Enthüllungsplattform Wikileaks. Sie setzt in Bezug auf Datenlecks im Gegensatz zum ICIJ-Modell tatsächlich auf «radikales Teilen». Mit diesem Ansatz, der aus Gründen des Quellen- und Datenschutzes durchaus problematisch ist, ärgerte Wikileaks das Medienestablishment in den letzten Jahren gehörig. Der Zugriff auf die Daten war nicht mehr länger eine Frage der Ressourcen und der Beziehungen. Exklusivität – ein durchaus lukratives Gut, das in der aktuellen Berichterstattung eine zentrale Rolle spielt – gibt es in diesem Modell nicht.

So gesehen erzählen die Panama Papers auch die Geschichte einer Rückkehr des Informationszugangs in hierarchische Bahnen. Auf die Schweiz bezogen heisst das: Bisher haben einzig und allein Zeitungen des Tamedia-Konzerns die Panama Papers auswerten können. Dabei gibt es an den einzelnen Geschichten kaum etwas auszusetzen. Im Gegenteil, es sind gut geschriebene und sorgfältige Recherchen.

Das Problem liegt auf einer anderen Ebene. Denn im Fokus der bisherigen Berichte steht nicht die grundsätzliche Kritik am Offshoresystem – beleuchtet werden vielmehr spektakuläre Einzelfälle: Wladimir Putin, Lionel Messi, die Fifa. Zudem wird betont, es gebe «legitime praktische und steuerliche Motive, Vermögen in Offshore-Gesellschaften zu bündeln», wie «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Arthur Rutishauser am Montag in einem Editorial schrieb. Das Offshoregeschäft, von dem die Schweiz massiv profitiert, wird verharmlost. Doch die Steuerflucht und die Flucht vor demokratischer Kontrolle sind global gesehen verheerend.

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