Nr. 15/2016 vom 14.04.2016

Was! Uns! Der! Künstler! Eigentlich! Sagen! Will!

Warum das Schmähgedicht des deutschen TV-Satirikers Jan Böhmermann gar nichts mit Erdogan zu tun hat. Eine kleine Lektion in angewandter Dialektik.

Von Gabriel Vetter

Jan Böhmermann. Foto: Jonas Rogowski, CC BY-SA 3.0

Es ist eigentlich eine grossartige Nachricht: Europa diskutiert wieder über Gedichte! Nur: Bei Jan Böhmermanns Schmähkritik am türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdogan geht es eigentlich gar nicht um das Gedicht. Und schon gar nicht um Erdogan.

Folgendes war passiert: Die Satiresendung «extra 3» auf dem deutschen TV-Sender NDR brachte Mitte März einen satirischen Song über Erdogan, worauf die Türkei offiziell protestierte. Jan Böhmermann, Showmaster der ZDF-Late-Night-Show «Neo Magazin Royale», las darauf in seiner Sendung als Reaktion auf die Posse ein herrlich geschmackloses Schmähgedicht auf Erdogan vor, weshalb ihn dieser jetzt verklagen will, unter Berufung auf einen deutschen Paragrafen, der die Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter unter Strafe stellt.

So weit, so bekannt. Nur: Das Gedicht (ein wirklich pennälerhaftes Geblödel, mit dem man an jedem Poetry Slam scheitern würde) war weniger an den türkischen Machthaber gerichtet als vielmehr an Böhmermanns KollegInnen in den Satiresendungen Deutschlands.

Satire frisst ihre eigenen Kinder

Schaut man sich die gesamte «Neo Magazin Royale»-Sendung an, in der Böhmermann sein Erdogan-Gedicht verlas, ist nicht zu überhören, dass er sich vor allem auch lustig macht über den überhöhten Status, den Satiresendungen wie «Die Anstalt», die «heute Show» oder «extra 3» mittlerweile haben. Böhmermann war nicht entgangen, dass öffentlich-rechtliche Satire in Deutschland heute nicht nur aus der Notwendigkeit entsteht, Kritik zu üben und die Politik bis zur Kenntlichkeit zu entstellen, sondern dass sie oft nur aus dem Sachzwang entsteht, die regelmässigen Sendeformate mit irgendetwas füllen zu müssen. Dass so ab und zu Satire entsteht, die schlecht ist, liegt in der Natur der Sache. Und ist umso interessanter für die MacherInnen von «Neo Magazin Royale».

Denn Böhmermanns Redaktion interessiert sich nicht für die Politsatire, wie sie in der «heute Show», bei «extra 3» oder hierzulande bei «Giacobbo/Müller» praktiziert wird. Das «Neo Magazin Royale» sieht sich eher als Verlängerung dieser Ebenen. Genau dieser Ansatz, nämlich einen interaktiven Diskurs sich selber karikieren zu lassen, indem man nur die nötigen Triggerpunkte aktiviert, hat der Sendung auch den diesjährigen Grimme-Preis eingebracht. Die Vorbilder des «Neo Magazin Royale» sind ja weniger die bekannten deutschen Satiremotoren, sondern eher Metashows aus den USA wie die «Larry Sanders Show» aus den Neunzigern oder die undechiffrierbaren Auftritte des 1984 verstorbenen Andy Kaufman.

Böhmermann und sein junges AutorInnenteam machen also einfach das, was unvermeidlich war: Sie haben verstanden, dass die regelmässige satirische Bearbeitung der Politik wie auch der politischen Berichterstattung längst selbst zu einer ritualisierten Newsrealität geworden sind. Anders gesagt: Dass sich «extra 3» und «heute Show» seit Jahren mehr oder weniger unverändert gleich über die unverändert gleiche politische Berichterstattung lustig machen, nimmt Böhmermann zum Anlass, sich die Satireformate mit ihren eingespielten Abläufen vorzuknöpfen. Man kann das Metasatire nennen. Aber eigentlich ist es einfach Satire, die der Tatsache Tribut zollt, dass die etablierte Satire längst fester Bestandteil der Berichterstattung ist – und sich somit bestens als Material für Komik eignet.

Wer sich schon einmal durch die etlichen Satiresendungen Deutschlands gezappt hat und nicht das unstillbare Verlangen verspürte, diese immergleich bräsige Lehrerkabarettpolonaise, diesen immergleichen Volker-Pispers-Fasching endlich in Grund und Boden karikiert zu wissen, hat in modernen Humorsendungen als AutorIn nichts verloren. Die Satire frisst ihre eigenen Kinder. Oder: «Mutterficker sind auch nur Vatermörder», wie Böhmermanns Hausmusiker Dendemann vor ein paar Jahren passend rappte.

Noch strubere Analysen

Folgt man allerdings dieser Interpretation von Böhmermanns Kunst als endlose Metasatire, ergibt sich natürlich ein dialektisches Problem: Böhmermanns Sendungen können nicht mehr abschliessend eingeordnet werden, da jegliche Wortmeldung zum Thema – ganz egal ob Schelte, Analyse oder Applaus – bereits a priori als Teil der Satirestunts des gewieften Diskurszauberers Böhmi gedeutet wird.

Und tatsächlich: Interessanterweise ist bei jeder gelungenen Böhmermann-Aktion der einzige wirklich grosse Kritikpunkt seitens des Feuilletons folgender: Es lasse sich aus der Kunst nicht genau herauslesen, wo Böhmermann und sein Team eigentlich stünden – politisch, moralisch, gesellschaftlich. «Fehlende Haltung» nennen es die einen, «geschicktes Entertainment» die anderen. Der Inhalt einer Satire wird so stets zu dem, was man je nach Gusto grade darin sehen will.

Was lustigerweise dazu führt, dass sich die MeinungsmacherInnen in den Feuilletons verhalten wie ein Rudel ErstsemesterstudentInnen in einem Proseminar, in dem es darum geht, irgendeinen David-Lynch-Streifen zu analysieren, und alle versuchen, die Deutungsansätze der anderen SeminarteilnehmerInnen mit noch struberen und clevereren Analysen obsolet zu machen und die alleinige Deutungshoheit darüber zu erlangen, Was! Uns! Der! Künstler! Eigentlich! Sagen! Will! Ja, «Decoding Böhmermann» ist ein beliebter Volkssport der studierten Twitteria. Auch dieser Text hier gehört übrigens dazu.

Ein postmoderner Ritt

Der Verdacht, Böhmermann mache sich eigentlich über Satire, den Diskurs und nicht zuletzt auch über seinen Sender, das ZDF, lustig, erhärtete sich bei der «Neo Magazin Royale»-Sendung, die auf die Erdogan-Show folgte: Statt sich zu erklären oder auch nur ansatzweise auf die Erdogan-Posse, auf Merkel, die Staatsanwaltschaft oder gar die Freiheit der Kunst einzugehen, präsentierte Böhmermann einen irren und irrwitzigen postmodernen Ritt durch die Beklopptheit des deutschen Fernsehalltags. In einem siebenminütigen Clip sprang Böhmermann von Ebene zu Ebene, von Talkshow zu Talkshow und landete schliesslich, via Seifenoperverarschungen und «Promi-Dinner»-Metaebene, in einem Endlosloop einer absolut sinnentleerten «Bergdoktor»-Sequenz. Satirestreber Böhmermann, gefangen in der Hölle des «Bergdoktor»-Panoramas: eine recht passende Metapher für den kafkaesken Diskurs, den Deutschland ob der ganzen Sache grade durchkonjugiert.

Am Dienstag, dem 12. April, zeigte sich jedoch: Die gänzlich unverfremdete Realität schert sich manchmal nicht um noch so clevere Interpretationen ihrer selbst. Und auch ein Diskurs kann sich verselbstständigen und sich der Kontrolle eines Satirikers wie Böhmermann entziehen. Die Redaktion des «Neo Magazin Royale» gab nämlich bekannt, die kommende Sendung aufgrund der aufgeheizten Diskussion ausfallen zu lassen. Seit dieser Woche steht Jan Böhmermann unter Polizeischutz. Um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: Er hat Polizei. Und diesmal offenbar ganz ohne Metaebene.

Gabriel Vetter, geboren 1983, testete jüngst sein erstes Stand-up-Programm auf Schweizer Bühnen. Er lebt in Norwegen.

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