Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Ein Gramsci der Gefühle

Nora Bossongs «36,9°» ist eine gelungene Biofiction über den linken Denker Antonio Gramsci. Wenn da nur nicht der zweite Erzählstrang wäre, der aus dem Leben eines fiktiven Gramsci-Forschers erzählt.

Von Ulrike Baureithel

Rom, Palazzo Montecitorio, 1924. Nur ein paar Meter trennen Antonio Gramsci von Benito Mussolini, der das Kinn abweisend vorstreckt. Vor zehn Jahren noch hat der Duce dem «Avanti!», der Zeitung der Sozialistischen Partei Italiens, vorgestanden, für den er auch Gramsci schreiben liess. Nun sind sie Erzfeinde, und der Abgeordnete der Kommunistischen Partei Italiens hat kurzzeitig die Bühne erobert, auch wenn die Lungen schwach sind und seine Stimme nicht durchdringt. Gramsci geisselt den Fememord am Sozialisten Giacomo Matteotti und blickt geflissentlich über Benito hinweg: «Eine kleine Figur unter kleinen Figuren.»

Es ist einer der wenigen grossen politischen Auftritte, die die deutsche Autorin Nora Bossong ihrem Helden, dem 1891 geborenen kommunistischen Theoretiker Antonio Gramsci, in ihrem Roman «36,9°» zugesteht. Und die eindrucksvolle Geste wird im nächsten, auf die Gegenwart transponierten Kapitel sofort auch wieder konterkariert von seinem Wiedergänger Anton Stöver, einem mediokren, in Tübingen beruflich und privat gescheiterten Akademiker, der es nicht einmal in einem letzten Ehestreit zu grossen Worten in der Manier eines Thomas Mann schafft.

Einen an Thomas Manns «Tonio Kröger» erinnernden «Tonio Stöver» hatte sein Vater in der einzigen Willensauflehnung, die er sich gegenüber Antons Mutter, der 68er-Diva Ilsa, erlaubte, verhindert. Ilsa vagabundiert durch die kommunistischen Zirkel Bremens der siebziger Jahre und beglückt ihren Sohn zur Einschulung mit einer Werkauswahl ihres Säulenheiligen Gramsci. Seither wandelt Anton wissenschaftlich auf den Spuren des Italieners, irgendwann sogar auf Du und Du. Vielleicht nur, weil er ebenso kleinwüchsig ist wie der bucklige Sarde, den man als Kind grausam in ein Korsett gesteckt und an die Decke gehängt hatte, damit sich seine Fehlbildungen auswüchsen.

Die Temperatur gibt Auskunft

Und so sind in «36,9°» auch nicht die Theorie oder die realen historischen Ereignisse, sondern die körperliche Befindlichkeit das Kriterium der Wahrheit. Die Temperatur, die in der letzten Phase des zehnjährigen qualvollen Gefängnisaufenthalts regelmässig bei Gramsci gemessen wird, gibt Auskunft: leicht erhöht. Gramsci kennt sich aus mit Körperqualen, von Kindesbeinen an, und die auch als Lyrikerin hervorgetretene Bremer Autorin folgt ihm dabei, einfühlend bis unter seinen «Käferpanzer»: vom Sanatorium Silberwald bei Moskau, in das die Partei ihre von psychosomatischen Störungen geplagten Anhänger schickt, bis zur letzten Station, einem italienischen Gefängnishospital, wo Gramsci 1937, gerade einmal 46-jährig, stirbt. Dazwischen liegt das zwischen Kopf und Leib zirkulierende Leiden, am grossen sowjetischen Vorbild, an den italienischen Verhältnissen, vor allem aber auch an der eigenen Beschränktheit – und an der Liebe.

In 34 alternierenden, auch thematisch aufeinander bezogenen Kapiteln erzählt Bossong von den Lieben dieser beiden unvergleichlichen Protagonisten. Gramsci, der junge Parteisoldat, der sich in Turin kein Liebesleben gestattet hat und vor seinen Jüngern lieber mit revolutionären Entwürfen brilliert als vor Frauen mit anderen Qualitäten, ist davon überzeugt, nicht geliebt werden zu können. Selbst als er 1922, erkrankt in Silberwald, auf Julia Schucht, seine spätere Frau, trifft und für sie entflammt, versucht er, diese mit dem Verweis auf die «dritte Sache», die Revolution, zu verscheuchen: «Du tust mir nicht gut», schreibt er ihr, denn sie will mehr für ihn sein als nur ein Teil. Am Ende unterhält der eigentlich «erschreckend unabhängige» Gramsci, wie ihn ein Genosse beschreibt, eine Art Tête-à-quatre mit den drei Schucht-Schwestern. Es ist dann seine Schwägerin Tanja, die die berühmt gewordenen Gefängnishefte an sich bringt. Sie gelangen nach Moskau und später zurück nach Italien.

Anton Stöver dagegen treibt erotische Gier aus dem heimischen Bett, obwohl er mit den diversen Liebhaberinnen nie mehr teilt «als eine Affäre» – so als ob er seiner liebesunfähigen Mutter Ilsa beweisen müsste, dass er liebenswert ist. Als er der Aufforderung seines Kollegen Brevi, nach Rom zu kommen, folgt, um nach dem angeblich verschollenen 34. Gefängnisheft Gramscis zu fahnden, entflieht er der explosiv gewordenen häuslichen Atmosphäre. Seine Neigung, Kleider und Frauen häufig zu wechseln, legt er allerdings nicht ab. In Italien begegnet ihm eine Art Wiedergängerin Tanja Schuchts, eine weibliche Illumination, die ihn völlig aus der Bahn wirft.

Während Gramsci noch doziert, dass «wir die Köpfe der Menschen gewinnen» und die «kulturelle Hegemonie» der Bourgeoisie brechen müssen, rückt ihm Bossong schreibend immer tiefer in den Leib, in seine Adern und Gedärme, die, ohnehin schon geschwächt von seiner zarten Konstitution, unter Haftbedingungen immer anfälliger werden. Seine Frau und seine Kinder erlebt Gramsci nur aus der Ferne, «wie viel sind 3600 Gramm», fragt er sich nach der Geburt des ersten Sohnes, «drei Bücher von Benedetto Croce, Marx’ Kapital und dann noch Dantes [Göttliche] Komödie obendrauf?» Das ihm beschiedene kurze Sommerglück mit der Familie in Italien ist kurz und zu gross, um beherrschbar zu sein.

Klischierter Stöver, lebendiger Gramsci

Gegenüber diesen teilweise fast lyrisch ausgemalten Szenen, den schwebenden, zart dahingehauchten Bildern, die den Theoretiker, dessen Überlegungen nicht nur seine ZeitgenossInnen elektrisierten, in einen gelebten Alltag mit seinen körperlichen Beschränkungen und emotionalen Fesseln holen, wirken die Teile, die sich um den eitlen, zuwendungssüchtigen Intellektuellen Stöver und sein kleines Mittelschichtsdrama drehen, wie eine Karikatur. Zwar gelingt es Bossong, das Akademikermilieu einer mitteldeutschen Kleinstadt mit wenigen bösen Strichen zu skizzieren, doch die Zeichnung der Figur Stövers kommt, verglichen mit der seines Vorbilds, nicht an diese heran. Auch die linken Milieus in Bremen und im Italien der siebziger Jahre, in denen sich Stövers Mutter Ilsa herumtreibt, wirken wie ein Klischee. Hinzu kommen gelegentliche Schludrigkeiten – aus einem Mann namens «Schreider» wird etwa plötzlich ein «Schrader».

Der von seinem theoretischen «Überbau» befreite Gramsci dagegen wirkt lebendig und geht unter die Haut, weil das von historischen Daten und Fakten abgestützte Gelände mit sensiblen Wahrnehmungen und mutig fiktional ausgestalteten Szenen aufgefüllt wird. Gramsci, völlig isoliert in seiner Gefängniszelle, besorgt über die Verhältnisse in Russland, krank und zahnlos, den Faden zu Julia verlierend und die Hoffnung auf Amnestie und am Ende voller Misstrauen gegen alle und alles, kurz: Dieser Gramcsi der Gefühle ist ein überzeugendes Beispiel für Biofiction, auch wenn man sich wünschte, dass der Gefühlshaushalt gelegentlich wieder an den grandiosen Kopf angeschlossen würde, für den diese Ausnahmefigur des 20. Jahrhunderts steht.

Die Autorin liest in Solothurn am Fr, 6. Mai 2016, um 16 Uhr.

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