Nr. 15/2016 vom 14.04.2016

Wo ist das Porträt von Che Guevara?

Denis de la Reussille hegte eigentlich nie politische Ambitionen. Doch schon als Jugendlicher trat er der Partei der Arbeit bei und protestierte gegen eine neue Rutschbahn in der Badi von La Chaux-de-Fonds.

Von Noëmi Landolt (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Denis de la Reussille im Rathaus von Le Locle: «Guevara war sicher eine sehr streitbare Person, gerade auch im Umgang mit Indigenen. Aber ein Mensch ist kein Gott.»

WOZ: Monsieur de la Reussille, in der radikalen Linken gibt es ja immer auch eine gewisse Skepsis Exekutivämtern gegenüber, weil man dabei Kompromisse eingehen muss. Sie sind seit zwanzig Jahren in der Stadtregierung von Le Locle. Kennen Sie diese Angst?
Denis de la Reussille: Ein Teil der radikalen Linken befürchtet tatsächlich, ihre Prinzipien zu verraten, wenn sie ein Exekutivamt einnimmt. Die Partei der Arbeit in der Romandie vertrat jedoch stets die Meinung, dass wir wo immer möglich Verantwortung übernehmen sollten.

Aber darf ich eine Frage beantworten, die Sie mir gar nicht gestellt haben?

Schiessen Sie los.
Vor ein paar Jahren konnten wir die Ergänzungsleistungen auf Gemeindeebene erhöhen. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir das entgegen dem nationalen Trend und dem ganzen Missbrauchsdiskurs geschafft haben. Viele vor allem ältere Menschen haben sich bei uns bedankt, da sie wieder ein Geschenk für ihre Enkel kaufen konnten.

Sie sind seit sechzehn Jahren Stadtpräsident, seit letztem Herbst Nationalrat. Haben Sie weitere politische Ambitionen?
Nein, die hatte ich nie. Ich bin ja in La Chaux-de-Fonds geboren und aufgewachsen und engagierte mich dort in der PdA. Nach Le Locle bin ich nur des Fussballs wegen gekommen. Und dann fragte mich die PdA, ob ich für das Stadtparlament kandidiere. Das habe ich gemacht und wurde 1992 prompt gewählt. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich einmal Stadtpräsident und Nationalrat sein würde, hätte ich ihn lauthals ausgelacht. Ich hatte nie an eine politische Karriere gedacht. Und seien wir ehrlich: Jemand, der politisch Karriere machen will, geht nicht zur PdA.

Sie werden in den Medien gerne als «Fast-Profifussballer» bezeichnet.
Das ist masslos übertrieben, dafür war ich nie gut genug. Bei La Chaux-de-Fonds spielte ich in der 1. Liga, mit Le Locle stieg ich in die Nati B auf, das entsprach meinem Niveau. Mein Trainer war übrigens Bernard Challandes, der später mit dem FC Zürich Meister wurde.

Spielen Sie heute noch?
Nein, ich habe keine Zeit mehr dafür. Meine Wochenenden sind meist verplant. Wissen Sie, ich liebe alle Sportarten. Und doch muss ich sagen, dass meine Söhne etwas «missraten» herausgekommen sind. Sie spielen Eishockey. Ausgerechnet! Am Wochenende gehe ich also an ihre Spiele. Das ist mir wichtiger, als selbst Fussball zu spielen.

Nun sind Sie doch Berufspolitiker geworden. Was hat Sie politisiert?
Meine frühste Erinnerung, die mich politisch geprägt hat, war, als mir die italienischen Klassenkameraden in der Primarschule sagten, dass sie nach den Sommerferien vielleicht nicht mehr zurückkämen. Es war die Zeit der Überfremdungsinitiative; in La Chaux-de-Fonds gab es viele Arbeitsmigranten aus Spanien und Italien. Meine Mutter kam aus Frankreich in die Schweiz und arbeitete fast ihr ganzes Leben in einer Fabrik. Mein Vater war gelernter Bäcker, aber er arbeitete wie viele in dieser Region in der Uhrenindustrie. Allerdings nicht in der Fabrik, sondern in der Heimproduktion. Er verdiente sich zudem als Eishockeytrainer etwas hinzu, und er war in der PdA aktiv. Zusammen mit meinen Eltern ging ich an Demos gegen den Vietnamkrieg und gegen Atomkraftwerke.

Und worum ging es, als Sie zum ersten Mal allein an eine Demo gingen?
Mit achtzehn Jahren ging ich mit drei Kollegen samt Transparent los, um gegen eine neue Rutschbahn in der Badi von La Chaux-de-Fonds zu protestieren. Die Rutschbahn war von einer Grossbank gestiftet worden – zu einer Zeit, als die Schweiz, voran die Banken, zu den letzten Ländern gehörte, die Geschäfte mit Apartheidsüdafrika machten. Wir vier PdA-Jungspunde waren gar nicht willkommen. Die Lokalzeitung widmete uns am nächsten Tag ein nicht gerade liebenswürdiges Editorial. Das ist eine lustige Anekdote. Aber sie ist nach wie vor wichtig für mich. Später ging ich an die grossen Antiapartheiddemos mit 200 000 Menschen in Paris.

In den Porträts, die man nach Ihrer Wahl in den Nationalrat in den Zeitungen las, wurde immer wieder das Bild von Che Guevara in Ihrem Büro erwähnt. Ich sehe es nirgends …
Mein Büro wurde gerade frisch gestrichen. Das Porträt steht da hinten am Fenster, ich werde es wieder aufhängen.

Ist Guevara Ihr Idol?
Nein, ich habe keine Idole. Man sollte keine haben. Ich habe das Bild aus zwei Gründen aufgehängt. Erstens hat ein guter Freund von mir, der leider verstorben ist, das Bild für mich gemacht. Er war Grafiker und mein Kollege im Stadtrat. Ein politisch sehr engagierter und unglaublich liebenswürdiger Mensch. Zweitens beeindruckt mich, wie konsequent Che Guevara seinen Überzeugungen folgte und nach Afrika ging, um für die Unabhängigkeit zu kämpfen, obwohl er Minister in Kuba war. Guevara war sicher eine sehr streitbare Person, gerade auch im Umgang mit Indigenen. Aber ein Mensch ist kein Gott. Und das sage ich als Atheist. Ich brauche keine Idole, das ist nichts für mich.

Denis de la Reussille (55) ist Nachfahre von adligen französischen EinwanderInnen und Spross einer Arbeiterfamilie aus La Chaux-de-Fonds. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er als Buchhalter, bevor er nach Le Locle zog.

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