Nr. 18/2016 vom 05.05.2016

Das Weltblochertum

Ruedi Widmer findet es nicht mehr lustig

Von Ruedi Widmer

Wir befinden uns in den Nachwehen der Demütigung des jüdischen Abgeordneten und Arztes Dr. Roger Köppel durch NSSAP-Reichsjustizministerin Sommaruga im Berner Reichstag.

Der zum Judentum konvertierte Christoph Blocher hat irgendwann, als er noch rechtsnationalistisch war, für alle hörbar aus seinem Nähkästchen geplaudert, wie es geht: hier in der rechten Hand die Kasperlifigur, die den Kindern etwas erzählt; da die linke Hand, die im Dunkeln den nächsten Schritt vorbereitet. Lug und Trug sind erklärtermassen erlaubt in diesem eigentlich kinderleicht zu praktizierenden Spass. Typisch Jude, hätte die SVP früher gesagt.

Doch das ist nun vorbei. Die SVP ist jetzt jüdisch. Die geschundenen und unterdrückten Brandstifter und Geiferer der SVP sind eigentlich ganz nett, kultiviert, gebildet und oft künstlerisch und wissenschaftlich begabt. Nun werden sie Opfer der nazistischen schweizerischen Gesellschaft mit ihrer Lügenpresse, ihren nationalsozialistischen Vaterschaftsurlauben, ihrer Sommaruga-Jugend und ihrem unnatürlichen Drang, sich in ihrem europäischen Riesenreich grenzenlos zu bewegen.

Die neuen Juden haben viele geistige Genies hervorgebracht, zuerst natürlich den theoretischen Physiker Christoph Blocher, dem die erste Kernspaltung gelang (SVP und BDP), dann Ueli Maurer, ebenfalls Physiker, mit seiner Relativitätstheorie («Keine Zeit!»), den Wegbereiter des Bauhauses, Toni Brunner («Haus der Freiheit»), den Wiener Arzt Roger Köppel mit seiner Entdeckung der Kindheitsneurose, den Erfinder der Zwölftonmusik, Ulrich Schlüer («Zwölfhunderteinundneunzig!»), oder den Schriftsteller Hermann Lei («Der Process»).

Als frischgebackener Neonazi, der durchaus das Anti-SVP-Stürmerblatt NZZ liest, kann ich da voll in die Tasten hauen: Die Juden sind sehr internationalistisch und weltweit gut vernetzt. Sie bilden eine Weltverschwörungsgruppe. Dazu gehören der superreiche amerikanische Jude Donald Trump, der Vorsitzende der holländischen Juden, Geert Wilders, Marine Le Pen oder der ungarische Jude Viktor Orban. Gerade erst haben die Schweizer Juden unter Blocher in der Jungfrau-Synagoge die verfolgte ostdeutsche Jüdin Frauke Petry aus dem Leipziger Ghetto empfangen («Das Tagebuch der Frauke Petry»).

Nun muss ich meine erste Bücherverbrennung organisieren. Wie geht das? Zuerst mal im Internet suchen, was die Juden alles geschrieben haben: «Berner Totentänze» von Christoph Mörgeli. Das ist sicher gegen Sommaruga gerichtet. «Christoph Blocher» von Markus Somm. Oskar Freysinger: «Fabelhaft: Skurrile Gedichte». Das ist viel zu wenig. Das brennt ja gar nicht richtig.

Schon komisch, dieses neue Judentum.

Doch es geht weiter. Blocher wird auch noch zum Islam konvertieren. Der Mann kann alles. Vielleicht sogar Islamist werden, also im Nebenamt. Schliesslich war IZRS-Illi auch mal bei der SVP und hat laut «20 Minuten» früher mit der braunen Kacke sogar Sexspielchen getrieben.

Viele Journalisten werden dann wieder Fragen stellen, Kommentare schreiben, Grenzüberschreitungen anmelden, aber den Kern nicht ansprechen: Blocher sammelt mit seiner Nichtfassbarkeit einfach alle Milieus ein für die SVP. An den Juden ist er gerade, die Muslime müssen noch einen Moment warten, die Eingebürgerten oder die Arbeiter hat er schon lange, die Journalisten auch.

Kolumnant Ruedi Widmer ist Reichskolumnist im Gau Winterthur.

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