Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Es knallt, blitzt und rumort

Südlich von Solothurn steht eines der letzten Stücke Schweizer Schwerindustrie: das Stahlwerk Gerlafingen. Erstaunlich: Es überlebt in einem immer härteren Umfeld. Und noch erstaunlicher: Es ist feinste grüne Wirtschaft.

Von Susan Boos (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Gäbe es das Stahlwerk nicht, müste die Schweiz ihren Schrott exportieren: Glühende Stahlstangen, sogenannte Knüppel, laufen ins Walzwerk des Stahlwerks Gerlafingen.

Es ist ein Wunder, dass es das Stahlwerk noch gibt. Vermutlich ist es Daniel Aebli zu verdanken. Der Mann hat eine Mission. Das sagt er auch über sich selber. Zwanzig Jahre lang hat er für die SBB gearbeitet. Heute ist er der Chef von Stahl Gerlafingen, die früher Von Roll hiess und inzwischen zur italienischen Beltrame-Gruppe gehört.

Ludwig von Roll hatte 1813 das Eisenwerk südlich von Solothurn gegründet. Es war weitherum bekannt. Auf jedem Gullideckel stand «Von Roll». Zu den besten Zeiten arbeiteten hier 3000 Männer. Heute hat das Stahlwerk noch 475 Angestellte, fünf Prozent sind Frauen. Eigentlich hätte Aebli gerne mehr Frauen. Sie seien zum Beispiel die besseren Kranführerinnen, sagt er. Aber die Schichtarbeit schreckt sie ab. Im Stahlwerk wird rund um die Uhr gearbeitet, sieben Tage die Woche.

Der Recyclingbetrieb

Früher machte das Werk viel Dreck. Auf alten Fotos sieht man schwarz rauchende Kamine. Noch um die Jahrtausendwende gab es weit mehr Blei ab, als das Gesetz erlaubt. Beim Zink kämpft man heute noch mit den Grenzwerten. Ein Grossteil bleibt zwar in der modernen Filteranlage hängen. Da Zink aber leicht flüchtig ist, entweicht es durch jede Ritze.

Beim solothurnischen Amt für Umwelt (AfU) heisst es, alle Versuche, das Problem vollständig zu beheben, seien leider bislang gescheitert. Verglichen mit anderen Schadstoffen ist Zink aber kein besonders gefährlicher Stoff. Und das AfU lobt das Werk. Für die Umwelt sei es eine gute Lösung, dass die Schweiz ein solches Werk habe. Das sei grüne Wirtschaft. Der Grund: Das Werk arbeitet nur mit Eisenschrott, der in der Schweiz oder den Nachbarländern anfällt. Gäbe es das Werk nicht, müsste man den Schrott exportieren und würde neuen Stahl aus China oder Osteuropa importieren. Dort sind die Produktionsbedingungen schlechter. Und es bräuchte sinnlose, lange Transporte.

Der Schrott kommt mit der Bahn oder auf Lastern nach Gerlafingen. In einer riesigen Halle türmt sich das Metall. Eine Chauffeurin hantiert an ihrem Kipplader, der bis oben mit Radkappen, Gestänge, verbeulten Tonnen und anderem Schrott gefüllt ist. «Pro Kopf sind in der Schweiz acht Tonnen Stahl im Einsatz», sagt Aebli. «Sie stecken in Gebäuden, Brücken oder Gütern. Davon werden pro Kopf und Jahr 180 Kilogramm entsorgt.» Ein Grossteil dieses Abfalls kommt nach Gerlafingen und wird zu neuem Stahl rezykliert.

Geschmolzen wird in der Halle nebenan. Hinter einer Glasscheibe kann man beobachten, wie drei grosse, glühende Stäbe – die Elektroden – in den Ofen einfahren. Es knallt und blitzt und rumort. So würde man in einem Theater die Hölle inszenieren. Es dauert knapp eine Stunde, um achtzig Tonnen Schrott in eine glühende, flüssige Masse zu verwandeln. Dieser Vorgang benötigt so viel Strom, wie fünf Haushalte in einem Jahr verbrauchen. Hochgerechnet aufs Jahr, verbraucht der Ofen den Strom einer Stadt wie Luzern mit 80 000 EinwohnerInnen.

Der flüssige Stahl wird zu sogenannten Knüppeln gegossen, vierzehn Meter langen Metallstangen. Bevor diese ganz erkaltet sind, kommen sie ins Walzwerk. Dort entstehen daraus Armierungseisen, Drähte oder Stahlträger. Das Werk sieht alt aus. Schwarzer Eisenstaub setzt sich überall fest. Derweil die meisten Maschinen unter der Patina brandneu sind.

Die hohe Kunst des Giessens besteht darin, Eisen in Eisen zu schmelzen. Die gigantischen Pfannen, in denen der Schrott auf 1650 Grad erhitzt wird, bestehen selber aus Eisen. Um zu verhindern, dass sie ebenfalls schmelzen, sind sie innen mit feuerfesten Steinen ausgekleidet und werden zusätzlich mit Wasser gekühlt. Auch die Walzen sind aus Eisen und müssen ständig mit Wasser gekühlt werden, sonst würden sie weich. Wasser und glühendes Eisen dürfen sich aber nie berühren. Sonst käme es zu einer Dampfexplosion. Eine Leckage könnte verheerende Folgen haben.

Im vergangenen Jahr produzierte das Stahlwerk 662 000 Tonnen Stahl, davon werden achtzig Prozent in der Schweiz verbaut. Früher exportierte das Stahlwerk mehr ins Ausland. Doch mit dem starken Franken ist der Export eingebrochen. Als die Nationalbank vor einem Jahr den Frankenkurs freigab, sei der prognostizierte Vorsteuergewinn über Nacht von 21 Millionen auf 8 Millionen Franken geschrumpft, sagt Aebli – bei einem Umsatz von etwa 300 Millionen Franken.

Der Markt ist hart umkämpft. China liefert Unmengen an billigem Stahl. Das Land hat Überkapazitäten von 300 bis 400 Millionen Tonnen – etwa doppelt so viel, wie Europa jährlich verbraucht. Der Betrieb in Gerlafingen muss agil sein, wenn er überleben will. Denn in drei Bereichen sind die Kosten höher als im Ausland, sagt Aebli: beim Personal, beim Netzentgelt und beim Transport.

Die Beltrame-Gruppe hat Betriebe in Rumänien und in Italien. Aebli sagt, in Rumänien erhielten die ArbeiterInnen netto 300 Euro, in Italien 1100 Euro und in der Schweiz seien es um die 5400 Franken. Das wirke sich natürlich auf die Herstellungskosten aus. Sie zahlten keine hohen, aber anständige Löhne: «Wir haben einen Gesamtarbeitsvertrag, gute Sozialleistungen und eine eigene Pensionskasse.»

Selbst die Gewerkschaft Unia findet, Aebli mache es gut. «Sicher, er vertritt das Kapital, aber wir können sehr gut mit ihm zusammenarbeiten», sagt Christian Gusset, der bei der Unia für das Stahlwerk zuständig ist. Anfang des Jahres musste das Werk aus Spargründen seine Lehrlingsabteilung schliessen. Fünfzehn Auszubildende drohten auf der Strasse zu stehen. Zusammen mit Aebli versuchte die Unia, eine Lösung zu finden. Dass das Projekt am Ende scheiterte, lag nicht an Aebli, sondern an der Solothurner Regierung, die sich plötzlich quergestellt habe, konstatiert Gusset. Bis auf einen Lehrling hätten aber inzwischen alle eine neue Stelle.

Problem Durchleitungskapazität

Der Strompreis ist heute für die Stahl Gerlafingen kein Thema mehr. Der Betrieb darf sich als Grossbezüger auf dem freien Markt eindecken. Das Unternehmen zahlt für die Kilowattstunde Basisenergie um die 2,5 Rappen (Privathaushalte zahlen circa 10 Rappen). Was dem Betrieb zu schaffen macht, ist unter anderem die Auktion an der Nordgrenze. Weil es an der Schweizer Nordgrenze zu wenig Hochspannungsleitungen gibt, werden die Durchleitungskapazitäten versteigert. Um den Strom aus Europa in die Schweiz zu bringen, zahlt das Stahlwerk jährlich zwischen zwei und drei Millionen Franken Auktionsgebühren, Kosten, die die Stahlproduzenten in Frankreich oder Deutschland nicht haben. Ausserdem hat Frankreich Anfang des Jahres per Dekret die Netzkosten für Stahlwerke um achtzig Prozent gesenkt, um sie vor der ausländischen Konkurrenz zu schützen. Deutschland und Italien kennen ähnliche Regelungen.

Deutschland hat zudem Ende April entschieden, dass Unternehmen ausserhalb der EU nur Stahl- und Eisenerzeugnisse liefern dürfen, wenn die Lieferungen ausführlich dokumentiert werden. Das sei ein immenser bürokratischer Akt, sagt Aebli. «Für uns bedeutet es, dass wir eine Person einstellen müssen, um den Papierkram bewältigen zu können. Sonst können wir nicht mehr nach Deutschland liefern.»

Und dann kommen noch die Transportkosten hinzu. Sie seien mindestens doppelt so hoch, weil es in der Schweiz ein sogenanntes Kabotageverbot gebe, sagt Aebli: «Zum Schutz des Schweizer Transportgewerbes dürfen gewerbliche inländische Transporte nur mit Fahrzeugen durchgeführt werden, die in der Schweiz registriert sind. Die Konsequenz ist, dass unser deutscher Hauptkonkurrent billiger nach Zürich fährt als wir, obwohl er mehr als doppelt so weit entfernt ist.» Auch das geht nur, weil deutsche ChauffeurInnen schlechter verdienen als schweizerische.

Gnadenlos volatiler Markt

Aebli wünscht sich keine Subventionen, aber eine Industriepolitik, die dem Stahlwerk das Überleben ermöglicht. Er will nicht tiefere Löhne oder weniger strenge Umweltauflagen, aber tiefere Netzkosten oder gerechtere Transportbedingungen, die es dem Werk erleichtern, unter den schwierigen Bedingungen weiter zu produzieren.

Den richtigen Moment zu erwischen, um Schrott zu kaufen, ist eine Kunst. In den letzten zwei Wochen stieg der Schrottpreis um sechzig Franken pro Tonne, ein Anstieg von knapp zwanzig Prozent. Der Preis kann aber auch wieder rapide sinken. «Der Markt ist sehr volatil. Der Handel gibt zunehmend den Takt vor. Da steckt für uns ein enormes Risiko drin», sagt Aebli. Wenn der Betrieb zu viel zu teuren Schrott kaufte, könnte das in den Ruin führen. Deshalb wird der Schrott nach Möglichkeit erst gekauft, wenn schon Bestellungen vorliegen. «Die Rohstoffpreise vom Mai kennen wir noch nicht. Jetzt beginnen wir gerade damit, mit den Lieferanten zu verhandeln. Erst Ende Mai wissen wir dann, was wir im Juni produzieren und verkaufen.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Es knallt, blitzt und rumort aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr