Nr. 23/2016 vom 09.06.2016

Die Hände nicht unter Kontrolle

Birgit Vanderbeke gelingt der Versuch, ein Drama häuslicher Gewalt aus der Perspektive eines kleinen Mädchens zu schildern.

Von Ulrike Baureithel

Lieber andeuten als ausbuchstabieren: Schriftstellerin Birgit Vanderbeke. Foto: Julian Vanderbeke

Eigentlich war die Welt für die Ich-Erzählerin in Ordnung. Von ihrer Oma wurde sie verwöhnt mit gutem Essen und Geschichten, die sie noch nicht verstand, während die Mutter als Lehrerin arbeitete. Der viel jüngere Vater, noch nicht reif für eine Familie, studierte noch, genoss das Leben und war meist abwesend. «Bis zu dem Tag, an dem ich meinen Vater ein für allemal kennenlernte. (…) Das Kennenlernen fing mit den Händen an und der Rest kam hinterher, und es war sehr unheimlich, weil es dunkel war und ich noch nicht sprechen konnte.»

Wieder einmal umkreist Birgit Vanderbeke, die mit «Muschelessen» 1990 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, in ihrem neuen Roman, «Ich freue mich, dass ich geboren bin», eine aus dem Lot geratene Familie. Eines Nachts wird das Kind aus seinem Bett in der Ostprovinz gerissen, weil die Mutter von einem besseren Leben träumt und in den Westen abhaut. Nicht einmal von der Oma darf sich das Kind verabschieden. Es folgt der Aufenthalt in Flüchtlingsheimen, wo das Mädchen ein paar Erwachsene findet, die sich seiner annehmen, sowie Kinder zum Spielen. Schliesslich zieht die Familie in eine Dreizimmerwohnung in einer Werkssiedlung, mit der Aussicht auf einen langsamen sozialen Aufstieg.

Lügen und Schläge

Doch für das Kind ist das «Land der Verheissung» kein Paradies. Die aus der Perspektive des siebenjährigen Mädchens erzählte Geschichte beginnt mit einer Geburtstagsenttäuschung: Nicht nur lag schon wieder kein Kätzchen auf dem Gabentisch, sondern es muss sich auch noch die Lügen der Mutter anhören: die ewig gleiche verlogene Geschichte vom Krieg, der ihr den Verlobten genommen habe und die Chance, Gutsbesitzerin mit wohlgeratenen Gutskindern zu werden. Das wiederum bringt den «Osch» genannten Vater, mit dem sich die Mutter nur liiert hat, um keine «alte Jungfer» zu werden, derart in Rage, dass er seine Hände nicht mehr unter Kontrolle halten kann.

Das anfänglich nur angedeutete Drama der häuslichen Gewalt nimmt seinen jahrelangen Lauf. Die Kulisse dazu bildet die Wirtschaftswunderzeit, verbunden mit den Enttäuschungen und der Leere, die der Konsum hinterlässt. Denn was ist schon der schnöde, auf Pump gekaufte Opel Kapitän gegen den edlen tannengrünen Admiral aus der Vorkriegszeit, mit dem die Gutsbesitzerfamilie hatte angeben können? Was sind die Teakholzmöbel, von der die Mutter im Osten geträumt hat, wenn sie endlich im heimischen Wohnzimmer stehen? Man buckelt nach oben und tritt nach unten, in Richtung der italienischen «Gastarbeiter», halbe Zigeuner, mit deren Kindern man seine eigenen nur spielen lässt, weil man dem ganzen Dreck ohnehin bald den Rücken kehren und aufsteigen wird.

Eine existenzielle Enttäuschung ist auch das schwarzhaarige wilde Mädchen, das die Mutter bei der Geburt fast umgebracht hat. Es ist eben nicht der kleine blonde Junge geworden, den sich die Mutter gewünscht hatte. «Aber da steckt man nicht drin, und da habe ich eben Pech gehabt», sagt diese und versichert: «Ich habe dich aber trotzdem lieb gehabt.» Darauf das Mädchen zu sich selbst: «Lieber gar nicht lieb haben als trotzdem. Weil man bei trotzdem im Grunde nichts machen kann.»

Wie das Geisslein im Uhrkasten

Solche Szenen gehören zur Grundstruktur des Romans, und sie schnüren einem beim Lesen aufgrund der naiv-altklugen Sicht und der für Vanderbeke so typischen Kunstsprache häufig die Kehle zu. Der oft genug scheiternde Versuch, Gewalterfahrungen aus der Perspektive eines Kindes zu erzählen, gelingt ihr souverän. Sie verwendet Bilder, die aus dem Arsenal der Märchen und Mythen schöpfen. Da werden die kleinen Kinder, die vor ihrer Geburt alles wissen, dann aber alles vergessen, aus einem «Teich der Ewigkeit» geangelt. Oder dann stellt sich das Mädchen in seinem Versteck vor, das siebte Geisslein zu sein: Im Uhrkasten muss es sich anhören, wie der Wolf die sechs übrigen frisst.

Die reale Flucht, die für das Kind ein Trauma war, wiederholt sich in seiner Fantasie, damit es überleben kann. Die Umwelt hält weder Gespräch noch Hilfe bereit. Im Gegenteil leugnet die Mutter die grauenvollen Verhältnisse, um die heile Fassade zu retten. Nicht einmal die schlecht verheilten Frakturen, die eine verständnisvolle Ärztin im Nachhinein feststellt, veranlassen die Mutter, sich schützend vor ihre Tochter zu stellen. «Bitte nicht ins Gesicht», sagt sie nur, wenn ihr Mann sie selbst verprügelt.

Das Lesen ermöglicht dem Mädchen schliesslich einen Ausweg aus der gewienerten, gewalttätigen Teakholzwelt. Wie bei Jules Vernes versetzt es sich in eine Zeitmaschine und beamt sich vierzig Jahre weiter, in der es «Bescheid sagen kann», damit ihm jemand hilft. Die Stimme der erwachsenen Frau sagt ihr, wie sie eigentlich zu handeln hätte, dass sie sich wehren muss oder weggehen sollte. Dass Vanderbeke dabei eher andeutet als ausbuchstabiert, ist eine der Qualitäten dieses schmalen, aber überaus engagierten Romans, der am Ende eine wenn auch nur in der Fantasie erprobte Lösung bereithält.

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