Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

«Beznau ist der älteste Topf der Welt»

Was haben das ehemalige Chemieunternehmen Ciba, die Betreiber des Atomkraftwerks in Beznau und Putin gemeinsam? Sie alle waren bereits Zielscheibe von Mira Frauenfelders Protestaktionen.

Von Anouk Eschelmüller (Text) und Eva Olibet (Foto)

Mira Frauenfelder: «Über Tschernobyl wurde immer gesagt, die hätten halt gepfuscht. Wenn hier etwas passiert, ist die Schweiz hinüber, und zwar für ­Generationen.»

Kaum hat sie sich in einem Zürcher Café hingesetzt, reicht mir Mira Frauenfelder zwei Fahnen über den Tisch. Die eine zeigt eine rote Sonne auf gelbem Grund, die andere eine gelbe Sonne auf grünem Grund. Die solle ich mir an die Hausfassade hängen.

Frauenfelder hat einen Hang zum Plakativen: Mit ihren roten Haaren und der orangen Jacke könnte sie einem Greenpeace-Merchandisingkatalog entsprungen sein. Engagiert und pointiert gibt sie Antworten, präzisiert, unterstreicht Gesagtes. Mit Nachdruck rührt sie auch in ihrem Milchkaffee. «In meiner Agenda steht seit Februar nichts Privates mehr», erzählt sie. Ihre Freizeit opfert die Umweltaktivistin zurzeit den Vorbereitungen für den nächsten «Menschenstrom gegen Atom». Es gehe diesmal schliesslich um die Wurst.

Wandern im Atomic Valley

Ums Ganze ging es auch vor fünf Jahren: 20 000 Menschen sollen es insgesamt gewesen sein, die mit Gasmasken und Plakaten oder mit einer Glace in der Hand am Atomkraftwerk Beznau vorbeizogen und sich schliesslich mitten im «Atomic Valley» versammelten. Atomic Valley, so nennen die AtomenergiegegnerInnen den Aargau zwischen den AKWs Beznau und Leibstadt, dem Zwischenlager für radioaktiven Abfall (Zwilag) in Würenlingen und dem Paul-Scherrer-Forschungsinstitut (PSI) in Villigen. Der Marsch war die grösste Anti-AKW-Demo in der Schweiz seit der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl 1986 und wurde von vielen als das grosse Comeback der Anti-AKW-Bewegung gefeiert.

Natürlich habe sich diese Resonanz gut angefühlt, meint Frauenfelder. «Einige von uns waren nach dem Marsch aber auch völlig ausgebrannt.» Die Planung dieses Menschenstroms habe bereits im Herbst 2010 begonnen. Dann sei im März 2011 das Unglück in Fukushima geschehen, das sei unheimlich eingefahren. «Wir sind damals richtiggehend über den Haufen gerannt worden», erzählt sie und dreht sich eine Zigarette.

In die AktivistInnenszene geriet Frauenfelder auf Umwegen. Anfang der neunziger Jahre lebte sie in Basel als Teil des Hausbesetzerkollektivs an der Inselstrasse. Zusammen mit anderen setzte sie sich etwa für Tempo-30-Zonen ein und verteilte Ciba-Stinktüten. Bald aber wurde es Frauenfelder an der Inselstrasse zu eng. Das Zusammenleben und kollektive Politisieren hätten nur so lange funktioniert, wie man ein gemeinsames Feindbild gehabt habe. Für Frauenfelder aber waren die Zusammenhänge grösser, globaler. So kam sie schliesslich zum Thema globaler Umweltschutz. Ihre Überzeugung liess sie unter anderem bei Greenpeace einsteigen, zunächst als Freiwillige, dann als Kampagnenkoordinatorin, zuletzt als Teamleaderin.

Erzählt Frauenfelder von ihrer Arbeit als Aktivistin, schwingt Ernüchterung mit: Die Szene trage gegen aussen das Weltverbessererimage. Gegen innen werde aber nicht weniger getreten als in anderen Organisationen: «Sich gegenseitig unter Druck setzen und dann noch das Gefühl haben, die Welt zu retten – das geht für mich nicht auf.»

Das Telefon klingelt. Ein Beauftragter der Aargauer Regionalpolizei benötigt Auskünfte zur Marschroute des Menschenstroms. Frauenfelder klappt ihr Notebook auf, gibt die gewünschten Informationen und verabschiedet sich – sehr freundlich, sehr professionell.

Sie zündet sich die nächste Zigarette an. «Es ist klar, dass man bei einer Veranstaltung mit Tausenden von Teilnehmenden Kompromisse machen muss», erklärt sie. Es gehe eben nicht immer nur um heldenhafte Aktionen, darum, sich irgendwo abzuseilen und festzuketten.

Abseilen und festketten – das kennt Frauenfelder selbst gut, nicht nur aus ihrer Zeit bei Greenpeace. Mediale Aufmerksamkeit erkletterte sie sich etwa mit der Pussy-Riot-Aktion vor drei Jahren. In farbige Röcken, bunte T-Shirts und Masken gekleidet, protestierten Frauenfelder und einige MitaktivistInnen mit dem Transparent «Free Pussy Riot! Fuck Putin Now!» am Zürcher Grossmünster gegen die überrissenen Strafen gegen die drei Pussy-Riot-Künstlerinnen.

Biber, Bienen, Zwischenlager

Heute sei vieles reine Beschönigungspolitik, meint die Aktivistin. Würenlingen etwa: Da gebe es, am Areal des Zwilags vorbeiführend, diesen wunderschönen Wanderweg entlang der Aare. Auf den Wiesen stünden mehrere Wildbienenkästen, sogar Biber könne man beobachten. «Und hinter den Wänden des Zwischenlagers? Da ist alles verseucht.»

Dieses vordergründige Kaschieren zeige sich auch in der aktuellen Atompolitik. Als das Unglück in Tschernobyl passierte, war Frauenfelder ein Kind. Die heute 41-Jährige erinnert sich gut an die Katastrophe: «Damals wurde immer gesagt, die hätten halt gepfuscht.» Der Risikofaktor Mensch könne doch nicht weggeredet werden, auch hier nicht: «Beznau ist inzwischen der älteste Topf der Welt, der noch am Netz ist. Wenn etwas passiert, ist die Schweiz hinüber, und zwar für Generationen.»

Was sie nach dem Menschenstrom machen wird? «Ich werde mich um meinen Garten kümmern. Der ist mittlerweile so verwildert, dass ich wohl die angepflanzten Gurken und Auberginen darin nicht mehr finden werde.»

«Menschenstrom gegen Atom 2016»: Sonntag, 19. Juni 2016. www.menschenstrom.ch

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