Nr. 26/2016 vom 30.06.2016

Der Oligarch, der in Ungnade fiel

Von Anna JikharevaMail an AutorIn

Angst vor dem russischen Regime haben alle. Die junge Frau, die sich mit Boxtraining auf die nahende Revolution vorbereitet, genauso wie der Oligarch, der sein Geld mit Ölförderung macht, später politische Ambitionen hegt und in Ungnade fällt. Oder die Anwältin, die in Strassburg tschetschenische AktivistInnen und russische Oppositionelle vertritt und selbst zur Zielscheibe wird.

Sie alle sind ProtagonistInnen in «Citizen Khodorkovsky», Eric Bergkrauts gelungenem Porträt von Michail Chodorkowski. Der Schweizer Filmemacher («Letter to Anna») bezeichnet seinen Dokumentarfilm selbst als Spurensuche; entstanden ist eine leise Annäherung an die schillernde Persönlichkeit des russischen Oligarchen – und wohl prominentesten Gegenspielers von Präsident Wladimir Putin. Der Film beginnt im Frühjahr 2010 mit einem Briefwechsel. Michail Chodorkowski, verurteilt wegen Steuerhinterziehung und Betrug, sitzt seit sieben Jahren im Gefängnis. Drei weitere Jahre in Haft werden folgen, dann Begnadigung über Nacht – Chodorkowski erhält Asyl in der Schweiz.

Jahrelang schreiben Bergkraut und Chodorkowski sich Briefe: über den Alltag hinter Gittern oder das Wesen des Putin-Regimes. Der Regisseur trifft einstige Weggefährten, begleitet die Eltern des Häftlings, die ihren Sohn jeweils nur wenige Stunden im Gefängnis besuchen dürfen, durch weite Landschaften. Später filmt er das Leben des Ehepaars Chodorkowski in dessen Villa in Rapperswil. Das Schicksal des Oligarchen ist eng mit dem seines Landes verknüpft: Seine Wandlung vom Öltycoon zum kritischen Bürger vollzieht sich parallel zur Wandlung seines Landes zum autoritären Regime.

In der westlichen Wahrnehmung russischer Oppositioneller gilt allzu oft die simple Formel: Wer gegen Putin ist, muss ein Held sein. «Citizen Khodorkovsky» zeigt, dass in dieser Logik die Grautöne verschwinden. Dabei gelingt es Bergkraut, Russland in all seiner Ambivalenz und Chodorkowskis Charakter in seiner Vielschichtigkeit darzustellen.

Oder, wie die junge Aktivistin Isabelle Magkoewa an einer Stelle sagt: «Chodorkowski ist kein Held. Er ist ein Opfer, aber kein Held.»

Ab 30. Juni 2016 im Kino.

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