Nr. 27/2016 vom 07.07.2016

Krautiger Discozauber

Von David Hunziker

Der Rahmen bleibt die Erweiterung des Bewusstseins. Nur noch ein nackter Fuss ist auf dem Plattencover zu sehen, der Rest des Körpers ist bereits durch die rotorangen Nebelschwaden hindurch in die andere Dimension geflutscht. Und dann wird im Stück «Liebe am Strand» auch noch das Orgelriff von «Break on Through (to the Other Side)» der Doors zitiert. Und weils so lustig ist, gleich noch eine Dimension: Auch musikhistorisch hat diese hochgradig tanzbare Platte von Klaus Johann Grobe (KJG) im Vergleich zum Debüt die Dimension gewechselt. Der Schritt zu «Spagat der Liebe» erinnert an die Verwandlung von Tame Impala zum psychedelischen Discozauber.

Gitarren gab es bei KJG allerdings auch früher nicht, dafür viele krautige Grooves. Das wurde Sevi Landolt und Dani Bachmann, die sich aus ihrer Schulzeit in Wädenswil kennen, aber erst so richtig bewusst, als ihre erste EP in England mitten in einen Krautrockhype hineinstiess. Zwar verstand dort niemand die deutschen Texte, dafür steigerten sie die Genre-Credibility, wie die beiden im Nachhinein vermuten. Weil sie darauf ein US-Label unter Vertrag nahm, sind KJG im angelsächsischen Raum noch immer bekannter als in der Schweiz.

Ein englisches Satzfragment gibt es auf diesem Album dann doch. Es lautet «come on baby» und leitet über zu einer Zeile, die wie ein Motto aus den ansonsten eher kryptischen Texten ragt: «Wir gehn tanzen.» Die Bässe klingen noch knackiger, und da und dort spielt das minimalistische Schlagzeug einen lüpfigen Discobeat. Eine ganze Palette von schwärmerischen Synthimelodien gibt viel Fleisch an den Knochen.

Wenn man will, kann man in die Texte einen latenten Gegensatz zwischen kollektivem Tanzrausch und einsamer Introspektion – das psychedelische Paradox sozusagen – hineinlesen. «Ich bin heut Abend nur dabei», heisst es an einer Stelle, «Ich hab doch noch nicht genug gehört von mir» an einer anderen. Doch letztlich ist das Konzept das gleiche wie bei Hopelandic, der Fantasiesprache der Band Sigur Rós: Die Musik wird zum Soundtrack der eigenen Utopien.

Konzerte: Fribourg, Les Georges, Di, 12. Juli 2016; Bern, Gurtenfestival, Do, 14. Juli 2016.

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