Nr. 28/2016 vom 14.07.2016

Nicht alle wollen Frieden

Von Toni Keppeler

Ein Waffenstillstand ist vereinbart, ein Friedensvertrag zwischen den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc) und der Regierung ist greifbar nahe. Plötzlich aber gibt es Zweifel. Am Wochenende ist bekannt geworden, dass sich eine Front der Farc von den Verhandlungen verabschiedet hat. «Wir haben entschieden, uns nicht zu entwaffnen und den Kampf um die Übernahme der Macht durch das Volk und für das Volk fortzusetzen», heisst es in einer Erklärung der «Ersten Front Armando Ríos». Andere Einheiten werden aufgefordert, sich anzuschliessen. Die Regierung sei nur an der Demobilisierung der Guerilla interessiert, nicht aber an der Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme Kolumbiens, heisst es weiter.

Die dissidente Einheit ist eine der ältesten und «erfolgreichsten» Fronten der Farc. Unter anderem hielt sie von 2002 bis 2008 die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt als Geisel fest. Sie operiert vor allem in der Dschungelprovinz Guaviare im Südosten Kolumbiens und wird auf 200 bis 400 KämpferInnen geschätzt. Dazu dürfte ein Vielfaches an zivilen MilizionärInnen kommen.

Die Farc sind in der Region gut verankert, haben sie lange faktisch verwaltet. Die Guerillaherrschaft brachte einen wirtschaftlichen Boom: Die Strecke von den Landepisten im Dschungel zur Küste Brasiliens schaffen die Kleinflugzeuge der Drogenhändler inzwischen ohne Zwischenlandung. Die Farc kassierten von den Kurieren üppige Landegebühren, die Zivilbevölkerung wurde durch gut bezahlte Dienstleistungen reich. Vor zehn Jahren wurde eine Ortschaft um die andere von der Armee zurückerobert, die Region versank wieder in Armut.

Der Generalstab der Guerilla reagierte harsch auf die DissidentInnen und verbot ihnen, «den Namen, die Waffen und die Güter der Farc zu benutzen». Die Regierung drohte mit militärischer Härte. Und am vergangenen Sonntag wurde wieder geschossen: Bei einem Gefecht zwischen der Armee und einer Farc-Einheit in der an Guaviare angrenzenden Provinz Meta wurden mehrere Aufständische verwundet. Der Angriff auf sie sei eine eklatante Verletzung des Waffenstillstands, heisst es in einer Erklärung der Farc-Kommandantur. So kann mühsam aufgebautes Vertrauen schnell wieder verspielt werden.

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