Nr. 26/2016 vom 30.06.2016

Mit dem Frieden beginnt in Kolumbien die gefährliche Zeit

Von Toni Keppeler

Seit einer Woche ist der kolumbianische Waffenstillstand vertraglich besiegelt: Nach vier Jahren des Verhandelns haben der linke Guerillakommandant Rodrigo Londoño alias «Timoschenko» für die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) und der rechte Präsident Juan Manuel Santos für Regierung und Armee in Havanna ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet. Faktisch wird schon seit Monaten zwischen den beiden Vertragsparteien nicht mehr geschossen. Ein abschliessender Friedensvertrag, so scheint es, ist greifbar nahe. Der bewaffnete Konflikt, der seit 52 Jahren währt, geht seinem Ende entgegen. Frieden ist damit aber noch nicht geschaffen.

Zum einen sind die Farc mit geschätzten 7000 KämpferInnen nicht die einzige Guerillaorganisation Kolumbiens. Das deutlich kleinere Nationale Befreiungsheer (ELN) kämpft schon genauso lange. Die Friedensverhandlungen mit ihm stecken noch in der zähen und unsicheren Anfangsphase. Zum anderen gibt es noch immer mehrere Tausend rechte Paramilitärs, obwohl sie offiziell schon seit zehn Jahren demobilisiert sind. Um den Schein zu wahren, hat die Regierung diesen Gruppen einfach einen neuen Namen gegeben und nennt sie nun «kriminelle Banden» oder kurz «Bacrim».

Die Farc gehen mit einem Friedensvertrag ein viel höheres Risiko ein als die Regierung. 1985 hat schon einmal einer ihrer Flügel seiner Entwaffnung zugestimmt und die Linkspartei Unión Patriótica gegründet. Ihr gesamtes Führungspersonal und die allermeisten einfachen Mitglieder – zusammen über 3000 Männer und Frauen – wurden danach von Paramilitärs ermordet. Das jetzige Abkommen enthält zwar «Sicherheitsgarantien», die den zu entwaffnenden Farc versprechen, die Regierung werde die «Bacrim» auflösen. Aber wie dies geschehen soll, weiss niemand.

Die Paramilitärs bilden nicht den einzigen wunden Punkt des absehbaren Friedensvertrags. Er muss, wenn er unterzeichnet ist, in einem Referendum vom Volk angenommen werden. Álvaro Uribe, der immer noch einflussreiche, extrem rechte Amtsvorgänger von Santos, macht bereits heftig Stimmung für ein Nein. Er will die Farc nach wie vor militärisch vernichten. Auch die Umsetzung einer beschlossenen Landreform wird nicht einfach werden: Unter anderem sollen BäuerInnen, die von Paramilitärs im Auftrag grosser Agrarunternehmen vertrieben wurden, ihr Land zurückerhalten. Man kann sich das in Kolumbien kaum ohne Waffengewalt vorstellen. So mag die Unterzeichnung eines Friedensvertrags nur noch Formsache sein – die gefährliche Zeit aber beginnt danach.

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