Nr. 33/2016 vom 18.08.2016

Wenn die Grillade nach Menschenfleisch riecht

Was passiert mit Kriegsfotografen, die in die Heimat zurückkehren? Dieser Frage geht die österreichische Autorin Sabine Gruber in ihrem Roman «Daldossi oder Das Leben des Augenblicks» nach.

Von Ulrike Baureithel

Dass eine Kamera in der Hand zur Waffe werden kann, wussten schon die klassenkämpferischen Arbeiterfotografen. Don McCullins berühmte Vietnamfotografien trugen sogar dazu bei, eine ganze Generation zu mobilisieren und die US-Armee unter Druck zu setzen. Im Irakkrieg begann dann die Ära des «embedded journalism», der die Ereignisse aus den Kampfzonen simultan – und militärisch zensiert – weiterverbreitete.

Sind diese Kriegsfotografen, die direkt an die Frontlinie müssen, um ihre Bilder zu schiessen, einfach nur abgestumpfte, zynische Mediendekorateure? Kriegsgewinnler, die den Schmerz der anderen in Ruhm und Profit ummünzen? Was macht der Krieg aus Menschen, die nicht unbedingt als Abenteurer ausgezogen sind, sondern als überzeugte Dokumentaristen des Grauens? Und was passiert, wenn sie in ihr altes Leben zurückkehren, in die Wohlstandsenklaven, wo der Geruch von Grillfleisch sie unwillkürlich an verbranntes Menschenfleisch erinnert?

Die österreichische Schriftstellerin Sabine Gruber ist diesen Fragen in ihrem neuen Roman «Daldossi oder Das Leben des Augenblicks» mit grosser Intensität und Ernsthaftigkeit nachgegangen. Mit Bruno Daldossi, einem (wie die Autorin) aus dem Südtirol stammenden, in Wien lebenden Kriegsfotografen, der für ein grosses Magazin die Konfliktherde der Welt – Bosnien und Tschetschenien, Afghanistan und den Irak – bereist hat, bringt sie eine fiktive Figur ins Spiel, die in manchem an die verlorenen Heimkehrer in der Nachkriegsliteratur erinnert.

Angst in stockdunklen Bunkern

Daldossi steckt in einer existenziellen Krise. Von seiner Redaktion ausgemustert und alkoholabhängig, stellt er fest, dass er sich im zivilen Leben nicht mehr zurechtfindet. Zudem hat ihn Marlis, eine Zoologin, die fünfzehn Jahre voller Angst immer wieder auf seine Rückkehr gewartet hat, ausgerechnet jetzt, wo sie nicht mehr warten müsste, endgültig verlassen. Er trifft auf Johanna, die ehemalige Frau seines Reporterkollegen Henrik Schultheiss, mit dem er oft zusammengearbeitet hat. Schultheiss ist im Unterschied zu dem ärmlichen Verhältnissen entstammenden Daldossi der Typus des Wohlstandssprösslings, der um des Kitzels willen Reporter geworden ist, sich aber nie wirklich in die gefährlichen Zonen wagt.

Abwechselnd aus der Perspektive Daldossis und Johannas erzählt Gruber das Dasein als Kriegsberichterstatter. Vor Daldossis innerem Auge steigen immer wieder Szenen auf, die selbst sein auf Verdrängung trainiertes Gedächtnis nicht wegdrücken kann. Die Frau etwa, die in einem Hinterhof in Bosnien selbstvergessen Tassen abwäscht und sie fallen lässt, als sich Daldossi nähert, weil sie glaubt, die Kamera sei eine Waffe. Die Angst, die er in den stockdunklen Bunkern bei den tschetschenischen Kämpfern empfand. Die Gefahrensituationen, denen er nur knapp entkommen ist. Und er muss an die vielen «letzten Bilder» denken, an das von jener kleinen bosnischen Frau, die kurz nach seinem Auftauchen blutüberströmt im Hof lag. Manchmal war er auch unfähig, den Auslöser zu bedienen. Dann erinnert nichts an die Toten.

Zynische Kälte, innere Leere

«Poetry of Witness» nennt die amerikanische Menschenrechtsaktivistin Carolyn Forché diese innere und äussere Augenzeugenschaft, der sich ursprünglich auch einer wie Daldossi verpflichtet wusste. Doch die Erfahrungen an den Kriegsschauplätzen haben ihn verändert, er hat sich eine gleichgültige Haltung antrainiert und geht, wo immer möglich, auf Abstand. «Du hast nur noch Bilder im Kopf», hält ihm Marlis vor. Er sei ein Bilderarrangeur, ein «Voyeur der Gewalt», so der Vorwurf von Schultheiss, dessen Reportagen Daldossi wiederum «kitschig» findet. Ausserdem quält ihn die Schuld: Hätte er, statt Bilder zu machen, mehr helfen sollen?

Daldossi, entschlossen, Marlis zurückzugewinnen, fährt nach Venedig und zu Johanna nach Lampedusa, die für ihr Blatt ein Porträt «irgendeiner Flüchtlingsfrau» schreiben soll, «hoffentlich», sagt ihre Chefin, «kommen noch Boote an». Die zynische Kälte des journalistischen Alltags wird von Sabine Gruber in allen Facetten ausgestellt, aber auch die innere Leere, das «Graurauschen», wie es Schultheiss nennt, das die Journalisten erfasst. Die in den Roman eingefügten Beschreibungen authentischer und erfundener Kriegsfotografien fungieren dabei wie Haltepunkte, kommentierend und zugleich die Vorstellungskraft animierend.

Auch wenn das Buch nicht bis in die Feinheiten durchkomponiert ist und ab und zu in Abschweifungen versandet: Es lebt von der Authentizität und von seinem Detailreichtum. Dafür hat Gruber sogar an einem Uno-Trainingslager für Kriegsjournalisten im fränkischen Hammelburg teilgenommen. Ihr erzählerischer Furor speist sich jedoch aus autobiografischen Quellen. 1999 hat die Autorin ihren besten Freund, den «Stern»-Fotografen Gabriel Grüner, im Kosovokrieg verloren. Sie habe nicht über ihn schreiben können, sagt sie, aber denen Respekt zollen wollen, die eine Arbeit machen, die gefährlich ist und oft nur aus Warten auf den richtigen Augenblick besteht.

Die Autorin liest am Samstag, 20. August 2016, um 15 Uhr im Rahmen des Berner Literaturfests auf der Münsterplattform. www.berner-literaturfest.ch

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