Nr. 35/2016 vom 01.09.2016

Widerstand in der Provinz

In Mecklenburg-Vorpommern steht die AfD vor einem Triumph bei den Landtagswahlen. Mit ihrer Kampagne stört die Punkband Feine Sahne Fischfilet die Rechte dort, wo sie sich am wohlsten fühlt: im Hinterland.

Von David Hunziker, Parchim und Anklam

«Die etablierten Parteien haben die Provinz doch eh schon längst aufgegeben»: Jan «Monchi» Gorkow von der Rostocker Punkband Feine Sahne Fischfilet in Parchim. Foto: Felix Goldmann

Monchi sitzt auf einer zerschlissenen Ledercouch in der Scheune Parchim und strahlt bis über beide Ohren. «Ist das nicht geil! Wir sind hier am Arsch der Welt, und doch gibt es all diese tollen Leute, die etwas reissen.» Monchi, wie Jan Gorkow von allen genannt wird, ist Sänger der Rostocker Punkband Feine Sahne Fischfilet. Gut sechs Wochen lang reist die Band mit ihrer Kampagne «Noch nicht komplett im Arsch» durch die Dörfer und Kleinstädte von Mecklenburg-Vorpommern. Hier in Parchim steht heute ein Fussballturnier mit Geflüchteten auf dem Programm, ein Vortrag der Politikerin Katharina König (Die Linke) über die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) sowie zwei Konzerte. «Wenn wir den Leuten hier etwas Kraft geben können, ist das schon viel», sagt Monchi. «Es kommt ja sonst niemand hierher.»

Am nächsten Sonntag sind in Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen. Erwartet wird ein «räudiger Rechtsrutsch», wie Monchi es ausdrückt. «Machen wir uns nichts vor», sagt er und legt Steak und Brötchen zur Seite. «Der 4. September wird eine Katastrophe.» In einer aktuellen Umfrage der ARD steht die AfD mit 21 Prozent hinter der SPD (27 Prozent) auf Rang zwei (vgl. «Nervöse SPD» im Anschluss an diesen Text). Und es ist nicht auszuschliessen, dass sie diese überholt und erstmals stärkste Kraft in einem Bundesland wird. Die neonazistische NPD liegt der Umfrage zufolge zwar unter der Fünfprozenthürde, legt sich aber mächtig ins Zeug, um ihre letzte Landtagsfraktion zu verteidigen. Dennoch ist Monchi überzeugt: Das Bundesland, in dem er alt werden möchte, ist noch nicht verloren.

Jugendklub war die Tanke

Es scheint, als würde er seine Hoffnung an Orten wie der Scheune Parchim messen. Der heruntergekommene Antifa-Schuppen, der auf einem verwilderten Gelände am Rand der 18 000-EinwohnerInnen-Stadt liegt, wirkt wie eine Trutzburg. Auf dem Weg dorthin fährt man an zahlreichen Plakaten der AfD und der NPD vorbei – jene der SPD sind mit Davidsternen beschmiert. Das Gelände der Scheune ist von einem hohen Zaun umgeben, wie um klarzumachen: Kein Zutritt für Rechte.

«Wir verlassen uns nur auf die coolen Leute, die es hier überall gibt», sagt Monchi. «Die etablierten Parteien haben die Provinz doch eh schon längst aufgegeben.» Obwohl die Band von mehreren Parteien umworben wurde, hält sie sich aus dem offiziellen Wahlkampf raus. Wie hier in Parchim will sie mit ihrer Kampagne gezielt lokale AktivistInnen stärken, die ihre Treffs oder linken Kneipen nicht kampflos der Rechten überlassen wollen.

Ein nazifreier Treffpunkt für Jugendliche ist in den ländlichen Regionen des Bundeslands nicht selbstverständlich. Monchi weiss, wie das ist. Aufgewachsen ist er in Jarmen, einem Dorf nahe der Ostsee. «Unser Jugendklub war die Tanke oder die Bushaltestelle.» Vor zehn Jahren gründete er mit Schulfreunden die Punkband Feine Sahne Fischfilet – aus purer Langeweile, wie er sagt. Am Anfang probte die Band im Jugendraum der Gemeinde Loitz, «dem einzigen Raum weit und breit, wo keine Faschos rumhingen».

Die rechte Kultur gehörte zum Alltag dazu. Auf den Schulhöfen verteilte die NPD ihre Schüler-CDs mit Rechtsrockliedern. «Damals hörten wir die Naziband Landser und die Ärzte, als wäre das kein Widerspruch.» Zu den ersten Konzerten von Feine Sahne Fischfilet kamen auch Skinheads. Irgendwann stellte sich Monchi vor einem Konzert auf die Bühne und sagte: «Wir spielen nicht vor Nazis.» Danach waren die politischen Weichen für die Band gestellt. Für Monchi ist diese Abgrenzung weiterhin prägend. Er habe kein Problem damit, wenn man ihn als Linken bezeichne. «Aber dieser Begriff wird heute ja für alles Mögliche gebraucht», sagt Monchi. «Für mich selber bin ich vor allem eines: Antifaschist.»

Weil sich Feine Sahne Fischfilet immer wieder politisch engagieren, hat sie der Verfassungsschutz von Mecklenburg-Vorpommern 2011 erstmals in seinem Bericht erwähnt: Die Band verherrliche Gewalt und sei eine Bedrohung für den Staat. Das liess die Band nicht auf sich sitzen. Sofort stellte sie ein Video ins Internet, in dem Monchi dem verantwortlichen CDU-Innenminister Lorenz Caffier zum Dank einen Geschenkkorb überreicht. Der Bericht und die Reaktion der Band machten sie schlagartig in ganz Deutschland bekannt.

Angekotzte Nazis

Obwohl Monchi mittlerweile in Rostock lebt, wo die Band am nächsten Tag haltmachen wird, spricht er mit Bewunderung über diejenigen, die hiergeblieben sind. «Wenn heute nur zehn vergammelte Punks zu diesem Vortrag erscheinen, ist das tausendmal mehr wert, als wenn sich morgen in Rostock sechzig Linke gescheite Worte an den Kopf werfen.» Ein älterer, bärtiger Punk mit Tribal-Tattoos schlendert an der Couch vorbei. Auf seinem T-Shirt prangt ein grosser Davidstern, darüber der Schriftzug «Thors Beschneider», in Anspielung auf die Nazimarke Thor Steinar.

Es ist dunkel geworden, aus der Scheune dröhnen die Gitarren der Punkband The Flexfitz. Das Gerücht macht die Runde, dass draussen vor dem Zaun ein paar rechte Schläger die Runde machten. Ein paar Punks stürmen hinaus. Es ist nicht das erste Mal, dass die Rechten am Rand der Kampagne Krawall machen. Am Eröffnungstag in Greifswald zündeten sie einen VW-Bus an, der immer wieder auf Antifa-Demos zum Einsatz kam. In Wolgast wurde ein Veranstaltungsort mit Schreckpistolen angegriffen und ein Jugendlicher bedroht. «Das kotzt die Nazis schon an, was wir hier machen», sagt Monchi. Für die Rechten ist die Band ein Feindbild. Früher machten in der rechten Szene Aufkleber die Runde, die Monchis gespaltenen Schädel zeigten.

Während Feine Sahne Fischfilet durch ihre Bekanntheit auch geschützt sind, sind andere der rechten Gewalt schutzlos ausgesetzt: 130 Angriffe von Rechten registrierte der Verein für Betroffene rechter Gewalt (Lobbi) im Jahr 2015 in Mecklenburg-Vorpommern. Das ist über ein Drittel mehr als 2014 und die höchste Zahl seit der Gründung des Vereins vor fünfzehn Jahren. Doch die oft rassistisch motivierten Angriffe beschränken sich nicht auf das Bundesland an der Ostsee: Für 2015 registrierte das Bundeskriminalamt über 1000 Delikte gegen Einrichtungen für Geflüchtete in ganz Deutschland – 2014 waren es noch knapp 200 gewesen.

Rechter Nachwuchs dank der AfD

Wer etwas über die rechte Szene in Mecklenburg-Vorpommern erfahren will, geht am besten nach Anklam. Unter Nazis gilt die Stadt europaweit als Modellregion. Mit Robert Schiedewitz von Lobbi fahren wir der Hauptstrasse entlang, vorbei am Naziladen New Dawn, der Rechtsrock-CDs und Szenekleidung verkauft. Etwas weiter die Strasse hinunter befindet sich der Pflegedienst Pommern, der einzige Altenpflegedienst in der Region, der ebenfalls von Neonazis betrieben wird. Wir biegen in die Pasewalker Strasse ein, wo eine weisse unauffällige Lagerhalle steht. Erst die kleinen Schilder an der Fassade weisen die Halle als NPD-Zentrale aus. Eine offene Tür gibt den Blick auf riesige Stapel von rot-weissen Plakaten frei. Im hinteren Teil der Halle verkauft die Pommersche Volksbücherei Naziliteratur.

Ein weiteres Schild an der Fassade gehört zur Anwaltskanzlei des Neonazis Michael Andrejewski, der für die NPD in der Stadtvertretung sitzt und hier auch Bürgersprechstunden abhält. Anfang des Jahrtausends zog Andrejewski zusammen mit anderen NPD-Kadern aus dem Westen wie Udo Pastörs und Sven Krüger nach Mecklenburg-Vorpommern. Schon früh erkannte die NPD das politische Potenzial der strukturschwachen ländlichen Regionen. Mit der hier bereits gut verwurzelten Kameradschaftsszene einigten sie sich auf eine gemeinsame Strategie.

«Nach der Wende nutzte die Kameradschaftsszene das zivilgesellschaftliche Vakuum im Osten, um eigene Strukturen aufzubauen», sagt Robert Schiedewitz. Mithilfe der NPD wurden diese weiter ausgebaut. Ein grosser Teil des Gelds, das die NPD über die staatliche Parteienfinanzierung erhielt (in Mecklenburg-Vorpommern jährlich 1,3 bis 1,5 Millionen Euro), floss in Immobilien. Anklam weist eine der höchsten Dichten an Immobilien im Besitz der rechten Szene auf. Daran würde auch ein mögliches Verbot der NPD, das derzeit beim Verfassungsgericht in Karlsruhe hängig ist, nichts ändern. Die Bauten befinden sich in Privatbesitz.

Laut Schiedewitz befindet sich die Entwicklung der rechten Szene an einem kritischen Punkt. Zwar hätten viele ihrer ExponentInnen mittlerweile Familien und seien darum weniger gewaltbereit. «Doch durch die rassistischen Mobilisierungen seit Anfang 2015, an denen nicht zuletzt auch die AfD beteiligt ist, besteht die Gefahr, dass die Szene neuen Nachwuchs rekrutieren kann.»

Wie bekommen die das hin?

Tut die Politik zu wenig gegen den braunen Sumpf? Das ist keine Frage für Monchi, sondern sein Vorwurf an die linken Parteien. Peter Ritter, Landtagsabgeordneter der Linken, lässt diese Anschuldigung nicht gelten. Er engagiere sich besonders intensiv in den Dörfern, schreibt er per E-Mail. Er sei froh um das Engagement von Feine Sahne Fischfilet. Nur stelle er sich manchmal die Frage: «Mensch, warum bekommen wir das so nicht hin?»

Was hat diese Band, was seiner Partei fehlt? Ritter hält sich dazu kurz: «Das Netzwerk, die Spontanität, die jugendliche Frische.»

Wenn die Band diese Karten ausspielt, sieht es dann so aus wie letzte Woche in Anklam. Zur Antifa-Sause auf dem Vorplatz des Bahnhofsgebäudes mit dem Rapper Marteria und Campino, dem Sänger der Toten Hosen, waren 600 Leute erwartet worden. Es kamen 2000.

Der Abend erinnert an den Song «Für diese eine Nacht» von Feine Sahne Fischfilet. Er handelt von der Landjugend und ihrem Dilemma, ob sie hierbleiben oder in die Stadt ziehen soll. Aber er ruft auch dazu auf, das Dilemma für einen Moment zu vergessen. Im Refrain schreit Monchi ins Mikrofon: «Kommt schon für diese eine Nacht, als wenn nun dies uns glücklich macht. Verdräng, verlier, ignorier!»

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