Nr. 35/2016 vom 01.09.2016

«Ich habe zwei Versionen»

Frank Ocean hat ein Manifest der Uneindeutigkeit in die Welt geschleudert – und glänzt durch eine radikale Businessstrategie.

Von Markus Spörndli

Zweieinhalb musikalische Seelen in der Brust: Frank Ocean. Foto: Andy Holmes

Mit «Channel Orange», dem auch kommerziell höchst erfolgreichen Album von 2012, hatte Frank Ocean das R-’n’-B-Genre neu definiert, hatte es gleichzeitig zurück zum alten Soul eines Curtis Mayfield und nach vorn zum Post-Hip-Hop eines Kanye West gebracht. Danach wartete die halbe Welt jahrelang auf das Nachfolgewerk, doch Ocean ward kaum noch gesehen, geschweige denn gehört. Konkurrenten wie Miguel, D’Angelo oder Drake veröffentlichten schöne, von «Channel Orange» beeinflusste Alben, und manche fragten sich, ob Ocean überhaupt noch eins draufsetzen könnte.

Nun hat Frank Ocean, der als Christopher Edwin Breaux in New Orleans aufwuchs, nicht nur eins draufgesetzt. Vorletztes Wochenende hat er ein komplexes Kunstwerk in die Welt geschleudert. Es besteht aus dem sogenannten Visual Album «Endless», dem konventionellen Album «Blond/e», dem Kunstkatalog «Boys Don’t Cry» – und nicht zuletzt auch in den ökonomischen Grundlagen dieses Outputs: in den Pop-up-Shops in New York, Los Angeles, Chicago und London, wo der Katalog ausschliesslich erworben werden kann, und schliesslich auch im kaltblütigen Ausbooten des Major-Labels, dem Ocean eigentlich verpflichtet wäre.

Hymne der Uneindeutigkeit

Die Songs auf beiden Alben mögen beim flüchtigen Hören wie grobe Skizzen wirken; hier eine dahingeschrammelte Gitarre, dort eine mäandernde Stimme, wenige Beats, wenig Dramatik. Doch die meisten Songs sind für sich schon hochgradig konstruierte kleine Kunstwerke, und manche weisen dann auch noch mehr oder weniger weit über sich hinaus. Zum Beispiel «Nights», das Stück in der Mitte von «Blond/e». Es geht dabei um diverse persönliche Erlebnisse während einer Nacht. Was Ocean zuerst im Rahmen eines unscheinbaren, folkig anmutenden Settings erzählt, gleitet bald in einen dringlichen, leicht aggressiven Hip-Hop-Teil ab. Dann bricht der Track in einem Gitarrenchaos zusammen – bis er als melancholischer R-’n’-B-Song wiedererwacht und kurz darauf verebbt.

In «Nights» vereint Ocean seine zweieinhalb musikalischen Seelen: den R ’n’ B und den Hip-Hop und zunehmend auch die Indie-Ästhetik (was sich etwa in der Zusammenarbeit mit Bon Iver äussert). «Nights» zeigt auch exemplarisch, wie Ocean den Singular verweigert: In jeder Nacht sind die Gefühle vieler vergangener Nächte; in jedem Mensch, jedem Song, jedem Moment ist eine Vielzahl von Neigungen, Einflüssen, Möglichkeiten. «Nights» ist eine Hymne der Uneindeutigkeit – und der Dualität: Ein Nerd im weltweiten Web hat bemerkt, dass der Bruch im Track auf die Sekunde genau in der Hälfte des sechzigminütigen Albums passiert.

Wohl kein Zufall, gibt es doch massenweise Dualitäten in Oceans neuer Werkgruppe: eine männliche und weibliche Version von «Blond/e» (mal mit, mal ohne e), was sich auch mit Oceans Bisexualität verbinden lässt. Oder die gleichzeitige Veröffentlichung zweier Alben. Dabei hatte Ocean schon vor über einem Jahr über Tumblr verkündet: «Ich habe zwei Versionen»; den Satz wiederholt er nun zweimal am Anfang des ersten (ebenfalls am vorletzten Wochenende erschienenen) Videoclips «Nikes» – und diesen Song gibt es nun übrigens ebenfalls in zwei verschiedenen Audioversionen.

Von Schleichwerbung zur Dystopie

Die wiederkehrenden Motive der neuen Alben sind Liebe (und deren Absenz), Sex (und dessen Verwirrlichkeiten), Drogen (und deren Widersprüchlichkeiten). Daneben schimmert ab und zu etwas Konsumkritik durch – etwa ganz am Ende des Visual Album «Endless»: In einem technoiden Stück benennt der deutsche Starfotograf und Gelegenheitsmusiker Wolfgang Tilmans Apple und weitere Mobilgerätehersteller, deren grossartige Geräte eine schöne neue Welt versprechen. Doch was wie Schleichwerbung beginnt, gleitet bald in eine Dystopie ab, in der die Geräte die Kontrolle über die Menschen übernehmen und deren Leben streamen.

Interessant, dass «Endless» auf diese Weise zu Ende geht. Das Album kann nämlich ausschliesslich über den Streamingdienst von Apple konsumiert werden. «Endless» ist letztlich doch ein riesiger Werbespot für den Multimediatechnologie-Giganten, der gerade älteren Streamingkonkurrenten die KundInnen abjagen möchte. Selbst «Blond/e» kann vorerst nur über Apple bezogen werden.

Der albummässige Doppelschlag ist auch ein Businessvehikel von Frank Ocean, mit dem er das weltgrösste Major-Label über den Tisch zieht: «Endless» soll eigentlich das vertraglich vereinbarte zweite Album für Universal Music sein, wird nun aber ausschliesslich gestreamt und nicht verkauft, womit das Major-Label leer ausgeht. Das tags darauf veröffentlichte «Blond/e» gibt Ocean hingegen bei seinem eigenen Label heraus. Ocean nötigt zwar seine Fans, sich an Apple zu verkaufen, doch er selbst wird so seinen Anteil am Verkaufserlös von vierzehn auf siebzig Prozent erhöhen (so will es jedenfalls das Branchenmagazin «Billboard» wissen).

«Blond/e» ist nun das erste Album, das trotz eines Exklusivdeals mit nur einem einzigen Distributor auf den Spitzenplatz der US-Hitparade geklettert ist. Es ist das Resultat einer radikalen ökonomischen und künstlerischen Strategie, die bisher einmalig ist. Sie dürfte in den Chefetagen der Major-Labels bereits ein paar Krisensitzungen zur Folge gehabt haben – und in der R-’n’-B-Szene ein paar NachahmerInnen auf den Plan rufen.

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