Nr. 37/2016 vom 15.09.2016

Weg von der Kindersortieranstalt

Mit ungewohnten Methoden setzte sich der Sonderklassenlehrer Jürg Jegge in den siebziger Jahren in Embrach für die «dümmsten» Kinder ein und stieg über Nacht vom Problemlehrer zum bekanntesten Schulkritiker der Schweiz auf. Unzufrieden ist er auch heute noch.

Von Anouk Eschelmüller

Jürg Jegge

«Am Anfang, da haben sie in Embrach alle gesagt, der Jegge, der ist als Lehrer eine Pumpi.» Jürg Jegge kann sich das Schmunzeln nicht verkneifen. Überhaupt schmunzelt er viel, wenn er aus seinem Leben erzählt. Hin und wieder macht er eine Pause, vielleicht um sich das Vergangene ins Gedächtnis zu rufen, vielleicht auch bloss der Spannung halber.

Jegge erzählt gerne Geschichten. Dann setzt er wieder ein, etwa bei seinem raketenhaften Aufstieg vom geschassten Lehrer in Embrach zum gefeierten Pädagogen oder bei seiner Zeit als Liedermacher. Und auch zum Schweizer Schulsystem weiss der 73-Jährige noch immer einiges zu sagen.

Neun Pädagogikbücher hat der Zürcher seit seiner Anfangszeit als Lehrer geschrieben. Der kleine, mittlerweile weisshaarige und etwas beleibte Pädagoge wurde nie müde, scharfe Kritik am Bildungssystem zu üben, auch heute noch. Wenn Dinge nicht genug Gehör fänden, müsse man sie eben hin und wieder auffrischen, sagt Jegge. Dann legt er los mit den gleichen Aussagen, den gleichen Sätzen, die er vor mehr als dreissig Jahren in seine Bücher geschrieben hat: «Die Schule funktioniert als Kindersortieranstalt. Sie formt drei Schichten von Chnöbli.» «D Chnöbli», so nennt Jürg Jegge seine SchülerInnen. «In unserer Gesellschaft gibt es die Führenden, die Geführten und die Genasführten. Die Schule sortiert die Schülerinnen und Schüler und sorgt so für die entsprechenden Bildungsunterschiede.»

An der Nase herumgeführt

Sortiert würden die SchülerInnen anhand ihrer Leistungen in der Schule. «Das ist doch ein Pfupf», schimpft Jegge. Jeder Mensch habe eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten, und entscheidend: Jeder Mensch lerne im eigenen Tempo. Unter diesen Bedingungen sei das heutige Schulsystem nur schwer nachvollziehbar. Rechnen und Sprache sind nach wie vor die Hauptfächer. Genau bei diesen sei es aber massgebend, wie stark ein Kind darin gefördert werde.

Auf aktuelle Unterrichtskonzepte angesprochen – individuelle Lehrpläne, integrativer Unterricht, Kompetenzorientierung –, winkt Jegge ab. Auch hier werde den Kindern vermittelt, nicht normal zu sein – nicht schnell genug und nicht gescheit genug. Weil der Einzelne immer auch an den anderen Kindern gemessen werde.

Schon während seiner Lehrtätigkeit musste der Pädagoge feststellen, dass die Schule für «leistungsschwache» SchülerInnen meist das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich sollte: Anstatt in ihrer Entwicklung unterstützt zu werden, würden die SchülerInnen als abnormal, langsam, eben dumm abgestempelt. Diese Rolle nähmen die Kinder an. Als Reaktion würden sie sich nur dümmer stellen.

Von ebendiesen Kindern, den Genasführten des Systems, handelt die «Dümmi», wie Jegge seinen berühmten Erstling «Dummheit ist lernbar» nennt.

«Lieber eine Pumpi als gar keinen»

Der junge Jegge selbst war bestens integriert ins System. «Ich war zwar eine Pumpi im Rechnen, eine Riesenflasche im Turnen. Dafür hatte ich ein grosses Maul, konnte gut singen und habe schöne Aufsätze geschrieben.» Jegge war ein Lehrerkind. Er wurde zu Hause gefördert. Nach dem Lehrersemi hatte der Junglehrer erst an der Mittelstufe unterrichtet, dann an der Oberstufe.

Welche Auswirkungen es hat, wenn die ersten Lernerfahrungen als SchülerIn durchweg negative sind, das wusste Jegge nicht, bis er in die Sonderklasse in Embrach wechselte. Dort hörte er erstmals die Geschichten der sogenannten SchulversagerInnen, wie er sie in «Dummheit ist lernbar» beschreibt. Es sind verstörende Berichte von Kindern, die in ihrem kurzen Leben bereits unzählige Rückschläge, Schmähungen und Beleidigungen erlebt und dabei den Glauben an sich selbst verloren haben.

Der Sonderklassenlehrer versuchte deshalb, den Kreislauf zu durchbrechen – und zwar radikal. Er schaffte kurzerhand die Lektionenstruktur ab, gab keine Schulnoten und keine «Ufzgi» mehr und verlegte den Unterricht vorübergehend in die Stube eines alten Bauernhauses. Er habe, zugegeben, den Bereich des Möglichen manchmal sehr stark ausgereizt. Jegge schmunzelt wieder, wenn er von den Reibereien mit der Embracher Schulpflege erzählt. «Ich war halt eine typische Figur des Lehrermangels der siebziger Jahre. Da hiess es: Lieber eine Pumpi als gar keinen. Ansonsten wäre ich damals wohl längst entlassen worden.»

Die aussergewöhnlichen Lernerfolge, die Jürg Jegge als Sonderklassenlehrer bald verzeichnen konnte, gaben dem Aussenseiter allerdings recht. Im neuen Umfeld lernten seine SchülerInnen innert weniger Wochen schreiben oder brachten sich den Rechenstoff eines Jahres bei.

Embrach, damals ein 3000-Seelen-Dorf mit vielen Bauern und Swissair-Flughafenarbeiterinnen, war auf einen Lehrer wie Jegge mit seinen so ganz anderen Unterrichtsmethoden allerdings nicht vorbereitet gewesen. Die Leute hätten damals die Strassenseite gewechselt, um ihn nicht grüssen zu müssen. Das habe manchmal viel Kraft gekostet.

«In erster Linie habe ich die ‹Dümmi› geschrieben, weil ich den Embrachern – und damit der Welt – zeigen wollte, dass ich nicht so ein Tubel bin, wie sie meinten», sagt Jegge. Das Buch, einfach geschrieben und ohne jede wissenschaftliche Bemäntelung, habe dann überraschend eingeschlagen wie eine Bombe. Jegge spottet: «Innerhalb von drei Monaten bin ich vom schlechtesten Lehrer von Embrach zum berufensten Pädagogen der Schweiz aufgestiegen.» Es habe ihm aber Freiraum verschafft – und Zürichs Schulbehörden dazu veranlasst, sein neues Konzept der «Schule in Kleingruppen» für SchülerInnen mit Lernschwierigkeiten zu realisieren. Von diesem Schulmodell ist Jegge noch heute überzeugt: kleine Schulklassen, altersübergreifend, mit individuellen Lernformen.

Schliesslich hatte Jegge aber die Nase voll. Zu anstrengend war ihm das ewige Kämpfen um Spielraum geworden, zu starr das System. Nach zwanzig Jahren Sonderklassenunterricht hängte er den Lehrerberuf an den Nagel und gründete 1985 die Stiftung Märtplatz, eine Lernwerkstatt für Jugendliche «mit Startschwierigkeiten». Also alles verkehrt am Schulsystem? Jegge verneint. Die Schule genüge über weite Strecken durchaus. Wir müssten sie nur anders denken – weg von der Kindersortieranstalt, hin zu einer Schule als echtem Lernort für möglichst alle Kinder. Will heissen: altersdurchmischte Klassen, keine Benotung, kein Wettbewerb und individuelles Lerntempo.

Es wird weiter Dummheit gelernt

Gehört werden Jegges Forderungen durchaus auch heute noch. «Ein spannendes Konzept», findet etwa Lilo Lätzsch, Sekundarschullehrerin und Präsidentin des Zürcher LehrerInnenverbands. Es stelle aber hohe Anforderungen, die im Schulalltag teils kaum erfüllt werden könnten. «Seine Devise ‹Jedes Kind da abholen, wo es gerade steht› klingt toll, ist aber mit den gegebenen Ressourcen schlichtweg nicht zu bewerkstelligen.» Die Folge: Auch wenn sich in den letzten Jahren viel getan habe, setze das Schulsystem insbesondere «leistungsschwache» SchülerInnen noch immer stark unter Druck.

Dummheit wird also weiter gelernt. Dabei könnte die Schule auch dazu dienen, sie zu verlernen, schreibt Jegge in seiner «Dümmi».

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