Nr. 39/2016 vom 29.09.2016

Linksschub mit «Pappa-Mobil»

Von Kaspar Surber

In St. Gallen bebte die Erde schon wegen Geothermiebohrungen, für politische Erschütterungen ist die Stadt weniger bekannt. Noch nie wurde ein Mitglied der Stadtregierung abgewählt. Und wären die StimmbürgerInnen der Empfehlung des «St. Galler Tagblatts» gefolgt, hätte sich auch bei den jüngsten Regierungswahlen nichts verändern dürfen: Es empfahl alle Bisherigen zur Wiederwahl. Vor diesem Hintergrund ist das Wahlresultat vom Sonntag ein kleines Erdbeben. CVP-Stadträtin Patrizia Adam verpasste die Wiederwahl knapp, SP-Herausforderin Maria Pappa blieb nur tausend Stimmen hinter ihr zurück. Chancenlos war der Kampfkandidat der FDP.

Sozialpädagogin Pappa wusste im Wahlkampf mit ihrer direkten Art zu punkten. Sie strich ihre Biografie als Kind italienischer EinwanderInnen hervor und ging mit einem «Pappa-Mobil» auf Werbetour: Die kirchlich Engagierte erreichte damit nicht nur linke, sondern auch katholische WählerInnen. Pappa steht beispielhaft für den Erfolg, den die Linke derzeit in St. Gallen verbucht. Auch bei den Wahlen ins Stadtparlament konnte diese zulegen: SP und Junge Grüne gewannen je einen Sitz. Die linken Parteien kommen damit zusammen mit den Grünliberalen erstmals auf eine Mehrheit im Stadtparlament.

Der zweite Wahlgang für die Stadtregierung – bisherige Zusammensetzung: 2 CVP, 1 FDP, 1 SP, 1 Parteiloser – folgt im November. Um die bürgerliche Mehrheit nicht zu gefährden, hat die FDP ihren Kampfkandidaten bereits zurückgezogen. Zum Verhängnis werden könnte CVP-Frau Adam aber ein Machtpoker von vor vier Jahren. Damals machten sie die Bürgerlichen zur Baudirektorin, obwohl sich viele WählerInnen den parteilosen Architekten Markus Buschor für das Amt gewünscht hätten. Dieser übernahm die Schulen.

Adam fiel als Bauchefin dadurch auf, dass sie es allen recht machen wollte. Bis sie kurz vor der Wahl die Erwartungen der Bürgerlichen enttäuschte: Deren Prestigeprojekt, eine Tiefgarage unter dem Marktplatz, wurde nicht bewilligt. Architekt Buschor für den Bau, Pädagogin Pappa für die Schule: Am Schluss könnten berufliche Qualifikationen entscheiden, ob St. Gallen zum ersten Mal Mitte-links regiert wird. Das wäre dann ein grösseres Erdbeben.

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