Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Die japanische Revolution

Mit der Playstation explodierten die technischen Möglichkeiten für Gamesoundtracks. Der japanische Komponist Nobuo Uematsu reizte diese zum ersten Mal voll aus. Heute werden seine «Final Fantasy»-Soundtracks von einem Orchester im Zürcher Hallenstadion aufgeführt.

Von Etrit Hasler

Musik bewegt unsere Videogamesession. Illustration: Niklaus Troxler, www.troxlerart.ch

Videospielmusik gehört vielleicht zum Unterbewertetsten, was die Kreativindustrie zu bieten hat. Sie darf nicht zu viel Platz einnehmen, muss im Endlosloop abspielbar sein und darf auch nach dem 1000. Hören nicht auf die Nerven gehen. Und in Zeiten von Onlinegames, die von Horden chattender Nerds auf drei Bildschirmen gleichzeitig gespielt werden, wird sie ohnehin meist stumm geschaltet.

Dabei gibt es durchaus Gamemelodien, die zu den wiedererkennbarsten der Musikgeschichte gehören. Das «Super Mario Bros.»-Thema von 1985 gehört heute noch zu den am häufigsten benutzten Handyklingeltönen und wird von renommierten Orchestern wie dem London Symphony Orchestra gerne als Scherzzugabe gespielt. Sein Schöpfer, Koji Kondo, ein ehemaliger Kunststudent aus dem japanischen Nagoya, war der Erste, der vom späteren Videospielgiganten Nintendo 1984 ausschliesslich als Komponist angestellt wurde – eine Position, die er bis heute innehat. Zu seinen Kreationen gehört mit dem Soundtrack zur «Zelda»-Reihe auch die vielleicht erste Symphonie der Videospielgeschichte. Diese ist seit ein paar Jahren auf Welttournee, am 27. November gastiert sie sogar im Zürcher Hallenstadion.

Ein Konzert mit Gamemusik vor Tausenden von Leuten? Was in Europa verrückt klingt oder zumindest nach einem Nischenprogramm für nerdige Jungs, ist in Japan schon seit Jahrzehnten Realität. Das erste Konzert dieser Art fand 1987 in der Suntory Hall in Tokio statt, das «Family Classic Concert» des Komponisten und Dirigenten Koichi Sugiyama. Der Event wird bis heute jährlich abgehalten und ist jeweils bereits Monate im Voraus ausverkauft. Sugiyama gilt in Japan als der Wegbereiter klassischer Musik in Games – als Hauskomponist der «Dragon Quest»-Reihe, der Mutter aller japanischen Rollenspiele.

In Europa ist die Serie weniger bekannt. In Japan ist sie jedoch so populär, dass sie schon zu einer Debatte im nationalen Parlament führte – die Veröffentlichung von Teil drei des Spiels hatte 1998 zur Folge, dass SchülerInnen landesweit die Schule schwänzten, um vor den Läden anzustehen. Sugiyama dirigiert seit 1991 Konzerte, bei denen er Musik von anderen aufstrebenden Gamekomponisten aufführen lässt, darunter auch die Stücke eines gewissen Nobuo Uematsu.

Situationskomik, Pathos, Drama

Aufgrund seiner Soundtracks für die «Final Fantasy»-Spiele ist Uematsu heute vielleicht der bekannteste Komponist von Computerspielmusik. Was Uematsu von seinen in Japan erfolgreicheren Zeitgenossen unterscheidet: dass seine Musik zum richtigen Zeitpunkt in den Westen kam. Der Grund, dass die Spielefirmen der achtziger Jahre auf klassische Musik setzten, war nämlich keine Frage des Geschmacks, sondern der technischen Möglichkeiten: Auf den 8-Bit-Konsolen wie NES und Sega Master System konnten insbesondere menschliche Stimmen nicht glaubwürdig synthetisiert werden. In Spielen mit einer komplexen Handlung – was gerade bei Rollenspielen wie «Dragon Quest», «Zelda» und «Final Fantasy» der Fall ist – war die Musik viel wichtiger, weil sie die vielen Dialoge mit atmosphärischer Tiefe anreicherte. Situationskomik, Pathos, Drama: All das musste via Musik transportiert werden, weil es den zweidimensionalen Pixelmännchen auf dem Bildschirm dazu an Ausdruckskraft fehlte.

All das änderte sich in den neunziger Jahren. Einerseits schwappte der Konsolenboom von Japan auf Europa und die USA über, wo PC-Games bis dahin den Markt dominiert hatten. Dieser Markt hatte zwar ebenfalls KomponistInnen wie Rob Hubbard – nicht zu verwechseln mit Scientology-Gründer Ron Hubbard – hervorgebracht, doch verdienten sie mit ihren Soundtracks kaum Geld.

Viel bedeutender als die internationale Verbreitung war die technische Entwicklung: Bereits auf 16-Bit-Konsolen wie dem Super Nintendo wurden erste Versuche gemacht, Stimmen zu imitieren, so etwa bei «Street Fighter II» von 1991. Damit einher gingen die ersten Versuche, auch Popmusik in die Spiele zu integrieren – zum Beispiel bei der Comicadaption «Maximum Carnage», deren Soundtrack von der Punkband Green Jelly stammte.

Doch der technische Quantensprung kam 1994 mit der Playstation. Der Wechsel zum Trägermedium CD-Rom ermöglichte es, riesige Mengen an Speicherplatz mit Musik und computergenerierten 3-D-Welten zu füllen, was auf den alten Plastikmodulen nie möglich gewesen wäre. Vielleicht das erste Spiel, das diese Möglichkeiten bis an ihre Grenzen auslotete, war «Final Fantasy VII», das 1997 erschien und als das meistverkaufte Playstationspiel in die Geschichte einging. Das dystopisch-futuristische Fantasywerk wurde auf vier CDs ausgeliefert. Das Spiel selber hätte zwar auf einer CD Platz gehabt, nötig waren die zusätzlichen Discs nur für die Musik und sechzig Minuten Filmsequenzen. Das Spiel wurde im Unterschied zu seinen Vorgängern auch ausserhalb Japans zu einem Erfolg, was nicht zuletzt auch mit der Musik zu tun hatte.

Obwohl Uematsu bei «Final Fantasy VII» zum letztes Mal mit programmierter statt analog aufgenommener Musik arbeitete – spätere Teile der Serie wurden mit ganzen Orchestern eingespielt –, schuf er ein kleines Meisterwerk, das die dramatische Weltuntergangsstimmung des Spiels perfekt unterstrich. Der Soundtrack zum Spiel erreichte in den japanischen Albumcharts Platz drei und machte Uematsu auch international zum Star. Im Unterschied zu Kondo und Sugiyama machte er sich nach zwei weiteren «Final Fantasy»-Spielen selbstständig und gründete unter anderem die Metalband The Black Mages, benannt nach einer Charakterklasse aus dem Spiel.

Imposantes Erlebnis

Die Erweiterung der technischen Möglichkeiten veränderte auch die Videospielmusik – stilistisch wie formal. Die aufstrebende westliche Gameindustrie setzte in der Folge auf Elektropop statt klassische Musik. So etwa bei den Soundtracks zum Horrorspiel «Doom» von Mick Gordon und zum Egoshooter «Quake» von Trent Reznor, dem Frontmann der Industrialband Nine Inch Nails. Auch in Japan wurden vermehrt Songs von bekannten Popstars in Videospielen verwendet. Zu «Final Fantasy XV» etwa, das demnächst erscheinen soll, steuerte die britische Sängerin Florence Welch von der Band Florence and the Machine drei Songs bei, unter anderem ein herzzerreissendes Cover von «Stand by Me».

2017 wird ein Remake von «Final Fantasy VII» mit Uematsus Musik erscheinen. Noch imposanter als vor dem Fernseher im Wohnzimmer wirkt die Musik des Komponisten, wenn sie live erlebt wird. Eine Möglichkeit dazu bietet sich erneut im Hallenstadion: Am 13. Mai 2017 wird das Werk «Final Fantasy: Distant Worlds», ein Best-of aus Uematsus Soundtracks, dort zum ersten Mal in der Schweiz aufgeführt.

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