Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

Jenseits der zwei Geschlechter

Wie man feministische Theorie popularisiert, ohne in die Moral- oder Identitätsfalle zu tappen: «Spiegel»-Kolumnistin Margarete Stokowski zeigts mit ihrem Buch «Untenrum frei».

Von Raul Zelik

Den Hüpfball geil finden: Margarete Stokowski schreibt prollig-konkret über Sex, vergisst aber nie die Machtverhältnisse. Foto: Alamy Stock

Wenige KolumnistInnen geniessen in Deutschland so viel Beachtung wie Jan Fleischhauer und Harald Martenstein. Das ist einigermassen erstaunlich, denn es sind Männer über fünfzig, die sich nach der Rückkehr des guten alten Pimmelpatriarchats sehnen. Allerdings eher so oberstudienratsmässig: Mädchen sollten schon auf die höhere Schule gehen, dabei aber eben auch auf ihr Aussehen achtgeben und daheim die weiblichen Seiten pflegen.

Dass der Feminismus aus der Zeit gefallen sein könnte, weil das ganze Gendergedöns Heteromänner zur Randgruppe zu machen droht, wie es die Fleischhauers und Martensteins gern unterstellen, ist eine wirklich bemerkenswerte These. Vor allem, wenn man das reale Leben betritt: Ungefähr jede zehnte Frau in Deutschland ist in ihrem Leben schon einmal vergewaltigt oder sexuell genötigt worden, in der Schweiz macht ungefähr jede fünfte Frau Erfahrung mit sexueller Gewalt. Diskutiert wird allerdings fast ausschliesslich darüber, wie hoch der Migrantenanteil bei den Tätern ist – obwohl eine andere Frage viel naheliegender wäre: Warum sind 99 Prozent der TäterInnen Männer? Und wie könnte eine Gendererziehung aussehen, die die männliche Gewaltbereitschaft bekämpft?

Ganz ähnlich auch die Debatte um Kriminalität: Die Hälfte der Morde in Deutschland sind «Beziehungstaten». In Spanien haben diese mittlerweile eine exaktere Bezeichnung: Man spricht dort von «Machogewalt», denn «natürlich» werden fast alle Gewaltverbrechen in Beziehungen von Männern verübt. In Deutschland sind diese Taten nicht einmal gesondert erfasst. Sie werden als «häusliche Gewalt» verbucht – als ob Häuser jemanden totprügeln könnten. Interessant ist in diesem Zusammenhang schliesslich auch, dass die neurechten Parteien, die besonders gern über Gewaltverbrechen, aber besonders ungern über Geschlechterbeziehungen reden, offensichtlich auch eher eine Männerdomäne sind: Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern stimmten 25 Prozent der Männer, aber nur 15 Prozent der Frauen für die rechtsextreme AfD.

Ein Buch über Sex

Es gibt also wirklich gute Gründe, sich mehr mit Feminismus zu beschäftigen. Margarete Stokowski, die als Kolumnistin bei «Spiegel Online» die undankbare Aufgabe hat, hysterischen Männern wie dem bereits erwähnten Jan Fleischhauer zu widersprechen, beweist in «Untenrum frei», dass sich feministische Theorie popularisieren lässt, ohne in die Moral- oder Identitätsfalle zu tappen.

Auf den ersten Blick ist «Untenrum frei» ein Buch über Sex – genauer gesagt über einen Sex, der sich von etablierten Körperbildern, von Machtbeziehungen und einem spezifisch für Frauen gedachten Schamgefühl zu emanzipieren versucht. Dabei formuliert Stokowski einen Ausgangsgedanken, der tiefgründiger ist, als es auf den ersten Blick scheint: «Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind. Und andersrum.» Es bedeutet nämlich auch: Jene Trennung von Begierde und Intellekt, von Körperlichkeit und Vernunft, die das Denken der Aufklärung prägte, ist falsch. Die grossen gesellschaftlichen Fragen, die immer auch Machtfragen sind, lassen sich nicht verstehen ohne die «kleinen schmutzigen Dinge, über die man lieber nicht redet, weil sie peinlich werden könnten».

Stokowski legt damit ein altes feministisches Programm neu auf: Sie geht vom persönlichen Erleben aus. Wie es so ist, als Mädchen kein richtiges Wort für das eigene Geschlecht zu haben («Vulva … Klingt immer noch komisch. Irgendwo zwischen Volvo und Pulpo»), aber dann doch die ganze Zeit auf eine Geschlechterrolle getrimmt zu werden und selbst für sie zu trainieren: «Mädchensein erfüllt sich nicht von allein, es ist ein Tun – das ist es, was die Formulierung doing gender meint. Wir müssen es tun, und zwar ständig.» Sie schildert, wie sie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas geil findet, und schämt sich nicht zu berichten, dass es sich dabei um einen gelben Hüpfball mit zwei Höckern handelte. Sie erzählt vom Indoktrinationsprogramm der Teeniemagazine, vom ersten Sex, Beziehungen, einer Vergewaltigung durch einen Jugendsozialarbeiter, dem «Ritzen», also dem selbstverletzenden Verhalten mit einer Klinge, und schliesslich auch vom Ausbruch in eine neue und freiere Welt der Geschlechterrollen nach Beginn des Studiums.

Das Interessante bei Stokowski ist nicht allein, dass sie diese sehr persönlichen Erlebnisse in einem (selbst)ironischen Tonfall erzählt und damit den für den Feminismus der siebziger Jahre so charakteristischen Betroffenheitsgestus unterläuft. Nein, Stokowski ist nicht einfach, wie die «Süddeutsche Zeitung» saublöd geschrieben hat, der Beweis dafür, «dass Feminismus und Humor sich nicht gegenseitig ausschliessen». Das Entscheidende ist, dass Stokowski Alltagserlebnisse unmittelbar, fast naiv schildert und dabei doch tiefgründig zu reflektieren versteht. Sie redet prollig-konkret über Sex und Körperflüssigkeiten, weiss die beschriebenen Alltagssituationen aber eben auch auf die Machtverhältnisse dahinter zu befragen.

Dass es im Buch um «Sex. Macht. Spass. Und Probleme» geht, wie der Klappentext verspricht, ist eine gar nicht so schlechte Zusammenfassung. Es geht darum, wie das eigene Selbstbild, der Sex, die Beziehungen und unser ganzes Leben freier und schöner werden können. Aber auch wenn Stokowski beim eigenen Erleben ansetzt, geht sie eben auch nicht dem allseits verbreiteten Glücksversprechen auf den Leim, wonach wir alle nur individuell an uns arbeiten müssen.

Feminismus für die ganze Familie

«Untenrum frei» ist ein unscheinbar daherkommendes und intelligentes Manifest – für einen Feminismus, dessen Emanzipationsversprechen jenseits der zwei Geschlechter liegt und der dabei auch andere Herrschaftsverhältnisse in den Blick nimmt. Vielleicht könnte man – im besten Sinn des Worts – von einem Feminismusbuch «für die ganze Familie» sprechen. Für Jüngere, weil Stokowski über Erfahrungen spricht, die alle irgendwie kennen, aber peinlich finden, und weil sie, daran anknüpfend, nach der Bedeutung dieser Peinlichkeit fragt.

Aber eben auch für Ältere, weil Stokowski deutlich macht, dass wir zwar nach wie vor in einer gnadenlos patriarchalen Gesellschaft leben, aber die Frontlinien eben doch unübersichtlicher geworden sind: In Anbetracht der ganzen Frauen-T-Shirts mit Aufdrucken wie «Zicke», «Bitch» und «Schlampe», so schreibt Stokowski an einer Stelle des Buchs, lässt «sich gar nicht mehr eindeutig sagen, ob das jetzt der Triumph oder der Untergang des Feminismus war oder nichts von beidem».

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