Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

Stahlberger und das geordnete Leben

Von David Hunziker

Jetzt stehen sie vor seinem Hotelzimmer in Bad Gastein, wo sie sich nach vielen Jahren an einem Symposium wieder getroffen haben, und er fragt, ob sie nicht noch ein wenig mit reinkommen wolle. Sie sei zu müde, antwortet sie und geht in ihr Zimmer. Der Zweifel nagt noch eine Weile an ihr, doch dann denkt sie: «Eso wie’s isch isch wohrschiinli gschider.» Auf beide warten zu Hause schliesslich eine Partnerin oder ein Partner und ein geordnetes Leben – allerdings ist das ja gerade das Problem.

So führt Manuel Stahlberger auch auf «Kristalltunnel», seiner neuen Soloplatte, seine Figuren immer wieder in Situationen, in denen der Firnis der alltäglichen Normalität für eine Weile zerbröselt und plötzlich alles möglich scheint. Oder er verfremdet banale Situationen, bis alles zusammenzubrechen droht. Doch den einfachen Befreiungsschlag gibt es selten. Wie für die Bekannten in Bad Gastein gilt es eher, die Widersprüche auszuhalten.

Diese Verfremdungen geschehen sozialkritisch, wenn in «Stau» im Feierabendverkehr die Klassengesellschaft verdampft, psychedelisch, wenn in «Da mit üs» zwei Menschen in ihren «Panzern aus Liebe» ein besonders tiefes Gespräch führen, oder mit den Mitteln der Groteske, wenn ein Ehemann in «Lüthis hend gmerkt ihri Wänd sind z kahl» plötzlich obsessiv Bilder mit seinem eigenen Blut malt. Ohne seine Band im Hintergrund begleitet Stahlberger sich meist mit Synthesizern im Stil des Science-Fiction-Kinos der achtziger Jahre. Seiner poetischen Strategie kommt das zugute: Die epischen Klangteppiche dehnen die irritierenden Momente genüsslich aus, wie eine Lupe für den Blick auf das banale Detail.

Stahlberger hat mit seinen Liedern einen eigenen kleinen Motivkanon zur Beschreibung der Schweizer Befindlichkeit geschaffen. Da gibt es zum Beispiel das Motiv der gescheiterten Provinzband («Leaving Eggersriet», «Si wäred gross gsi» und jetzt «Haslifüx») oder das der Menschen, die ihr Leben neu erfinden («Monika», «Immer wieder use» und jetzt «Change»). Das wirkt manchmal ein bisschen wie ein Selbstplagiat, aber schliesslich entwickelt sich die Schweiz auch eher gemächlich.

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