Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

Ein Kreuz

Stefan Gärtner segnet

Von Stefan Gärtner

Die Buchmesse war mal wieder vorbei, wir sassen in der Bahn zum Bahnhof, und ab der Station «Messe» plapperte hinter uns eine selbstvergessen, sie möge ja keine Hardcover, ihr seien Taschenbücher lieber, die fassten sich viel schöner an, aber sie lese sowieso immer nur Kindle usw. Ich schüttelte wie verdrossen den Kopf, Kollege Nagel grinste müd, und die schönste Ehefrau von allen sagte, seht ihr, deswegen will ich nicht unsterblich sein, und ich sagte, dass ich das schon immer gesagt habe, weil man den ganzen Unsinn irgendwann nicht mehr aushält, und dass auf meinem Grabstein bitte stehen soll: Genug ist genug.

Dem «Tages-Anzeiger» hat Thomas Hürlimann jetzt ein Interview gegeben und mitgeteilt, er sei Platoniker: «Ich produziere Scheinwelten und glaube an sie.» Auch das Interview ist gewissermassen bloss scheinbar von Hürlimann, denn kopierter geht es kaum: «Die Kirchen sind leer, Gott stirbt. Wir selber holen die Kreuze herunter. Aber wir werden uns noch wundern: Zuerst sterben die Zeichen, dann sterben wir ihnen hinterher. Wenn das Kreuz fällt, fallen auch wir.» Im Ernst? Ich auch? «Noch vor wenigen Jahren war Zürich eine protestantische Stadt, nun wurde sogar der Andachtsraum im Unispital in einen ‹Raum der Stille› verwandelt – und mit nichtssagendem Kitsch möbliert. Ebenso in der neuen Abdankungshalle in Zug. Die präsentiert sich als grosse Badewanne – damit da ja nichts hängt, was irgendjemanden stören könnte. Schauerlich.» Der «Tagi» nickte folgsam: «Wir müssen Rücksicht nehmen auf die Muslime», und dann wurde es freilich erst recht originell: «Ich verlange ja auch nicht, dass sie den Halbmond von ihren Moscheen runternehmen, wenn ich durch Istanbul spaziere. Das ist ihre Welt. Und hier ist unsere. Wer zu uns kommt, muss auch mit unseren Symbolen leben können. Es geht einfach nicht, dass wir in vorauseilendem Gehorsam uns selber beiseiteschaffen.»

Wer immer irgendwo ein Kreuz aus dem öffentlichen Raum entfernt, hat (passende Metapher) meinen Segen, und er hat ihn doppelt, wenn es dann heisst, man dürfe sich Allah nicht beugen. Allerdings hat niemand verlangt, die Kreuze aus den Kirchen zu holen, und trotzdem regen sich unsere Kulturkonservativen auf, niemand wolle noch irgendjemanden stören, alle nähmen immer nur Rücksicht! Weshalb die Leut’ ihre Köter direkt unters Kindergartenschild scheissen lassen und im ICE immer genau dann ins Restaurant müssen, wenn vorm Bahnhof die Gänge verstopft sind. Im Gegenteil stirbt Rücksicht aus und ist die Political Correctness «Ersatzreligion» («Tages-Anzeiger») insofern, als sie jene Rücksicht zu retten versucht, die halt nicht recht marktkonform ist.

Hürlimanns Angst vor der «Moralschwemme» ist dann eine, die vom rechten Ressentiment nicht mehr unterscheidet als den Heiland vom Christus: «Erstes Gebot: Du sollst den Abfall trennen! Zweites Gebot: Du sollst dich vegan ernähren! Drittes Gebot: Du sollst alles durchgendern! Viertes Gebot: Du sollst so tolerant sein wie Globi im neuesten Globi-Buch!» Anstatt ein Intoleranter, der seinen Mülleimer im Wald leert, weil er Keule lieber vom Milchlamm denn als moralische hat und «Transzendenz» besser findet als «soziale Verhaltensweisen».

Die uns freilich dumme Ansichten in der U-Bahn ersparen würden; wie es Moral ja sowieso immer gibt. Die Frage ist bloss, ob es, gähn!, die Moral alter weisser Männer sein muss.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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