Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

Unabhängig und parteilos auf Türkisch

Seit 2003 informiert die Zeitschrift «Merhaba» die türkischsprachigen Menschen in der Schweiz – politisch mitunter durchaus pointiert.

Von Silvia Süess

«In der Schweiz hat sich das Volk mit 60 % 3 Mal ins eigene Fleisch geschnitten!!!» So lautet der Titel des Editorials in der Oktoberausgabe der zweisprachigen Zeitschrift «Merhaba – Hallo Schweiz». Was folgt, ist ein engagierter und kämpferischer Text, der die Ergebnisse der Volksabstimmungen vom 25. September kommentiert: «Das Volk hat sich gegen die eigene Zukunft, Sicherheit, wirtschaftlichen Gewinn und die Natur entschieden.»

Die klaren Worte, sowohl auf Türkisch wie auf Deutsch gedruckt, kommen von Mazlum Kilinc. Der in Basel lebende türkische Kurde hat 2003 mit zwanzig KollegInnen die «Monatliche Informationszeitschrift für Integration, Kultur und Kommunikation» gegründet und ist noch immer deren Geschäftsleiter. Der Zeitschrift war die Gründung eines Vereins vorausgegangen, der die türkischsprachigen MigrantInnen in der Schweiz über diverse Bereiche des Schweizer Alltagslebens aufklären wollte. «Da wir nicht nur als Verein auf lokaler Ebene tätig sein wollten, sondern zum Ziel hatten, die Migranten im ganzen Land zu erreichen, gründeten wir die Zeitschrift», sagt Kilinc im Gespräch. Das Ziel von «Merhaba» ist es, die hier lebende türkische Bevölkerung über das politische und gesellschaftliche Geschehen in der Schweiz zu informieren. «Wir sind eine unabhängige Zeitung», betont der 58-Jährige, «denn wir gehören weder einer Partei noch einer politischen oder religiösen Gruppe an.»

Inserate von links bis rechts

Gemeinsam mit einer Gruppe von freiwilligen Mitarbeitenden in der ganzen Schweiz sammelt Kilinc Agenturtexte zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen und stellt eine Auswahl für die Zeitschrift zusammen. In der Oktoberausgabe gibt es neben Texten zu den Abstimmungsresultaten auch kürzere Texte über die «Burkaverbots»-Debatte, die Freihandelsabkommen TTIP und Tisa oder den Stellenabbau bei den SBB. Im hinteren Teil der Zeitschrift werden internationale Themen ausschliesslich auf Türkisch verhandelt, wie der Tod des türkischen Schauspielers Tarik Akan, das kolumbianische Friedensabkommen oder die Folgen des Putschversuchs in der Türkei.

Jeden Monat liegt der Zeitschrift eine auf Türkisch übersetzte Informationsbroschüre von Bund oder Kantonen zu Themen wie «Schwangerschaft», «sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz» oder «Lohngleichheit» bei. Diese Beilagen werden von den jeweiligen Kantonen finanziert, nicht jedoch die Zeitschrift selber. Diese finanziert sich zu einem Teil über ihre 16 000 AbonnentInnen. Laut eigenen Aussagen erreicht die Zeitschrift jedoch ungefähr 60 000 LeserInnen, was gut die Hälfte der rund 120 000 Menschen mit türkischer Herkunft in der Schweiz ausmacht.

Eine wichtigere Einnahmequelle für «Merhaba» sind die Inserate. Vor allem jeweils vor Wahlen tummeln sich Köpfe aus der Schweizer Politik auf den Inseraten – von den Grünen über die SP bis hin zur FDP. Margret Kiener Nellen (SP) inserierte vor den Nationalratswahlen letzten Herbst mit einem Inserat, auf dem sie sich selber mit türkischem Text vorstellte.

Website gehackt

Seit dem Putschversuch sei die Angst vor Recep Tayyip Erdogans restriktiver Politik bis in die Schweiz zu spüren, sagt Kilinc, der die Entwicklung in der Türkei besorgt beobachtet. Er ist überzeugt, dass die türkische Bank in Zürich sowie das auf Türkeireisen spezialisierte Reisebüro Bentour aus Angst vor der türkischen Regierung keine Inserate mehr in «Merhaba» schalten. «Denn für die türkische Botschaft hier, die uns auch liest, sind wir eine zu linke Zeitung», so Kilinc, der nach dem Putsch 1980 als Flüchtling in die Schweiz gekommen ist und heute einen Schweizer Pass hat. Die Website sei schon mehrmals gehackt worden, und Dossiers seien verschwunden, so Kilinc. Aber bedroht gefühlt habe er sich aufgrund seiner Arbeit bis jetzt noch nie.

Auch gab es seitens der Botschaft noch nie Reaktionen auf einen Artikel in «Merhaba». Dafür aber von einem leitenden Schweizer Beamten, der Kilinc nach Erscheinen der Oktoberausgabe schrieb: «Ihre Berichterstattung zur Eidgenössischen Volksabstimmung befremdet mich sehr. (…) Sie nennen sich eine neutrale Zeitschrift, Ihre Kommentare zur Abstimmung waren aber alles andere als neutral.»

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