Nr. 47/2016 vom 24.11.2016

«Sie finanzieren den eigenen Rauswurf»

Damit der Atomausstieg glückt und das Klima geschont wird, müssen in der Schweiz mehr Häuser ökologisch saniert werden. Das muss nicht immer auf Kosten der MieterInnen gehen, wie ein preisgekröntes Haus im Aargau zeigt.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Baujahr 1950, elf Wohnungen, ein typischer Block aus der Nachkriegszeit: Das energetisch renovierte Mehrfamilienhaus in Wettingen.

Erstaunlich viele Sterne sieht man hier oben. Leo Scherer kennt sich aus: «Sehr schön die Venus dort am Horizont. Und direkt über uns das Sommerdreieck mit Atair, Wega und Deneb.» Wir stehen auf der Dachterrasse des Mehrfamilienhauses im aargauischen Wettingen, in dem der Jurist und ehemalige Greenpeace-Campaigner wohnt. «Wir hätten hier oben auch eine Luxuswohnung mit einer Million Marktwert bauen können. Aber wir wollten, dass alle im Haus diesen Platz nutzen können, der mit dem neuen Flachdach entstanden ist.» Zusammen mit seiner Partnerin Barbara Kleiner hat Scherer das Haus vor zwölf Jahren gekauft – drei weitere HausbewohnerInnen beteiligten sich, doch das Paar bezahlte den Löwenanteil.

Die ökologische Bautechnik hat in den letzten Jahrzehnten beeindruckende Fortschritte gemacht. Plusenergiehäuser zu bauen, die mehr Energie produzieren als verbrauchen, ist heute problemlos möglich. Doch noch viel wichtiger als gute Neubauten – denen meistens wertvolles Kulturland geopfert wird – ist für die Energiewende die Sanierung der bestehenden Gebäude: Diese verbrauchen die Hälfte der Energie und stossen vierzig Prozent des CO2 der Schweiz aus. Auch für den Atomausstieg spielen sie eine wichtige Rolle: Der Ingenieur Heini Glauser schätzt, dass ineffiziente Elektroheizungen im Winterhalbjahr mehr als ein Viertel des Schweizer Stromverbrauchs ausmachen. Eineinhalb Millionen Häuser sind sanierungsbedürftig, aber nur ein Prozent wird jedes Jahr saniert.

Halb so viel Holz

Wie viel in diesem Bereich möglich wäre, zeigt das Haus in Wettingen: Baujahr 1950, elf Wohnungen, ein typischer Block aus der Nachkriegszeit, als schnell viel Wohnraum für wachsende Familien hermusste. Die Treppenhäuser sind im Originalzustand geblieben: die gleichen Plättli, das gleiche Geländer wie in Tausenden anderen Häusern dieser Zeit. Genauso wie das Klötzliparkett in den Wohnungen – «wir wollten ökologisch sanieren, aber ansonsten kein Chichi, nichts Überflüssiges», sagt Leo Scherer.

2005 machten sich die neuen HauseigentümerInnen an die Innensanierung. Sie liessen zwölf Elektroboiler herausreissen, die Gasheizung durch eine Holzpelletfeuerung ersetzen, Aktivlüftungen einbauen und Herde, Kühlschränke und andere Elektrogeräte mit der besten Energiebilanz installieren. «Damit liess sich der Stromverbrauch um 43 Prozent senken», sagt Scherer. Wir stehen im Keller, er öffnet die Klappe des Ofens. Flammen leuchten in den Raum. «Dieser Ofen ist eigentlich zu gross für das Haus. Aber weil keine Bank gleichzeitig Innen- und Aussensanierung finanzieren wollte, brauchten wir diese Grösse für den Anfang.»

2010 kam die Dämmung der Aussenwände dran – sie wurden 22 Zentimeter dicker. Ausserdem gab es neue Fenster, eine Solarstromanlage, Solarwärmekollektoren und das optimal isolierte Flachdach. Das Resultat: sechzig Prozent weniger Holzverbrauch. Besonders raffiniert ist das Warmwassersystem: Zuerst kommt immer die Solaranlage zum Zug, die Holzfeuerung hilft nur nach, wenn nötig. Scherer liest den Zähler ab: «Heute, an einem Novembertag mit wenig Sonne, hat die Anlage das Wasser immerhin auf zwanzig Grad erwärmt.» Und die Solaranlage auf dem Dach produziert im Jahresschnitt rund 85 Prozent des Stroms, den das Haus braucht. 2011 hat das Haus, das den strengen Minergie-P-Standard erfüllt, den Solarpreis der Solaragentur Schweiz gewonnen.

Nach der Innensanierung erhöhten die EigentümerInnen die Mieten von 850 bis 900 auf 1300 Franken netto für eine Dreizimmerwohnung. «Das war nötig, um die Investitionen zu finanzieren. Der Komfort wurde ja auch deutlich besser.» Die Aussensanierung war für die MieterInnen dagegen kostenneutral, denn die Heizkosten sanken von durchschnittlich 200 auf 50 Franken pro Monat. «So blieb die Warmmiete bei etwa 1525 Franken.» Ein wichtiger Grund für den Kostenrahmen: An den Grundrissen der Zwei- und Dreizimmerwohnungen wurde mit einer Ausnahme nichts geändert.

Für die Umbauten bekamen die WettingerInnen Fördergelder: rund 95 000 Franken für den Minergie-P-Standard, 15 000 für die Solarstromanlage, dazu 62 Rappen kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) für jede Kilowattstunde Solarstrom. «Trotzdem dauert es etwa fünfzehn Jahre, bis sich die Anlage finanziell lohnt.»

In Grenchen gehts auch

«In Wettingen konnten die Mieterinnen und Mieter immerhin bleiben – auch wenn die Mieten gestiegen sind», sagt Patrizia Bernasconi vom MieterInnenverband Basel. «Leider erleben wir in Basel zurzeit etwas anderes.» Anders als ökologisch bewusste HauseigentümerInnen sähen InvestorInnen und Pensionskassen ihre Häuser als reine Geldanlage: «Sie machen eine Gesamtsanierung, werfen alle Leute raus, vergrössern die Wohnungen und vermieten sie neu für ein Mehrfaches.» Zurzeit sorgt in Basel gerade ein Haus an der Mülhauserstrasse für Schlagzeilen: Dort wehren sich MieterInnen zwischen 73 und 91 Jahren gegen den Rauswurf durch die kantonale Liegenschaftsverwaltung, die gesamtsanieren will. Natürlich finde sie ökologische Gebäude wichtig, sagt Bernasconi, die lange für die linksgrüne BastA! im Kantonsrat sass. «Aber in diesen Projekten ist die energetische Sanierung nur ein Detail, es geht vor allem um den Profit – Fördergelder vom Staat gibt es trotzdem.» Das läuft nicht nur in Basel so, wie eine Studie des Bundesamts für Energie letztes Jahr zeigte (siehe WOZ Nr. 16/2015).

Grundsätzlich begrüsse er die Fördergelder, sagt Michael Töngi, der Generalsekretär des Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverbands. «Sie federn Mietzinsaufschläge ab, denn Vermieter sind verpflichtet, die Förderung bei der Mietzinsbemessung einzuberechnen.»

Bei Leerkündigungen seien Fördergelder hingegen nicht gerechtfertigt. «Oft heisst es, bei grossen Renovationen sei es nicht zumutbar, dass die Mieter in den Wohnungen bleiben. Aber das ist relativ: In Grenchen ist es eher möglich als in Zürich – einfach weil man in Grenchen nicht so schnell Nachmieter findet.» Töngi formuliert es drastisch: «Die Mieter finanzieren ihren eigenen Rauswurf. Die Fördergelder kommen ja aus der CO2-Abgabe, und die bezahlen die Mieter mit dem Heizöl.» Hier liege schon das nächste Problem: «Viele Mieter haben keine individuelle Heizkostenabrechnung. Die CO2-Abgabe führt aber nur zum Ziel, wenn sie den eigenen Energieverbrauch und die Kosten beeinflussen können.»

Noch etwas bemängelt Töngi: «Bei umfassenden Sanierungen gelten fünfzig bis siebzig Prozent der Umbaukosten als wertvermehrender Anteil. Den kann man direkt auf die Miete schlagen. Nachrechnungen zeigen: Dieser Anteil ist zu hoch.» Der sogenannte Überwälzungssatz müsse reduziert werden.

Und die Autos?

Das Dilemma zwischen sozialen und ökologischen Fragen bei den energetischen Sanierungen ist kein Naturgesetz. Es ist politisch gewollt: InvestorInnen, die mit der Energiewende Geld verdienen wollen, profitieren vom schwachen MieterInnenschutz in der Schweiz – Resultat des jahrelangen Lobbyings von Hauseigentümerverband und Co. Die gleichen Kreise verhindern, dass AutofahrerInnen auch zur CO2-Abgabe beitragen müssen, obwohl das allen zugutekäme: Ein Teil der CO2-Abgabe wird über die Krankenkassen an die Bevölkerung rückverteilt. Eine gute Sache, nur leider nicht konsequent umgesetzt.

Ökologische Häuser sind langfristig auch im Interesse der MieterInnen. Sonst werden es wieder sie sein, die bluten, wenn der Ölpreis steigt – und das wird er früher oder später. Aber die Kosten der Energiewende dürfen nicht den MieterInnen allein aufgebürdet werden.

«Wir müssen bei diesem Thema ein paar grundsätzliche Fragen stellen», sagt Hauseigentümer Leo Scherer. «Warum können sich die einen Häuser leisten und die anderen nicht?»

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