Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Hedonismus hinter Mauern

Von Raphael Albisser

Sie haben sich viel Zeit genommen für dieses Album, die drei Luzerner von GeilerAsDu (GAD). Ganze vier Jahre. Und doch fühlt es sich an, als wäre «Turbo Mate & Kalaschnikow» genau für den jetzigen Zeitpunkt geschrieben; für diesen anhaltenden Moment, in dem sich die Welt mal wieder angestrengt selber zu verstehen versucht. Und daran offenbar scheitern muss. Um dieses Gefühl zu transportieren, brauchen GAD aber nicht auf ein postfaktisches Zeitalter zu verweisen: Wie immer reicht ihnen ein ehrlicher Blick ins eigene Innere. Und eine Handvoll wunderbare Beats, die meist entspannt und nur selten aufdringlich daherkommen.

So fliegen uns gleich in den ersten Takten die Leitmotive des Albums um die Ohren: halb leere Alkoholgläser hier, ertrinkende Flüchtlinge dort. Und dazwischen das verfluchte Bewusstsein darum, dass dies irgendwie zusammenhängt. Aber statt mit moralischen Zeigefingern zu fuchteln, exerzieren die beiden Rapper Luzi und Mike die schreienden Widersprüche eines typischen zeitgenössischen Lebenswandels gnadenlos an sich selbst durch. Mal Tanzen mit Substanzen, dann wieder Neid aufs eigene Instagram-Profil. Mal Aufbäumen gegen das Unrecht in der Welt, dann postwendend die Kapitulation. Hedonismus und Narzissmus hinter Mauern, die immer höher werden.

All das liesse sich vielleicht in eine geradlinige Erzählung giessen. Zum Glück machen das GAD auf «Turbo Mate & Kalaschnikow» aber nicht. Stattdessen bleibt das Album über weite Strecken ein Blick durchs drehende Kaleidoskop: Es verrenken sich die Gedankenstränge, verschwinden laufend, um in neuer Form wiederzukehren. Stets dem schönen Vers verpflichtet, bleiben dabei so manche der flüchtigen Bilder haften: Europa als Luftschloss mit Schutzwall. Die Sehnsucht nach Godzilla, der unsere Luxusprobleme ausradiert. Das unselige Jahr 2016 als Perversion blinder Gewiss- und Gewohnheiten.

Damit spielen GAD das Unbehagen dieser Zeiten in alle Richtungen einmal durch. Und weils so schön anklingt, schaffen sie damit einen einzigen grossen, kathartischen Moment.

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