Politische Gefangene in Russland : Wo ist Ildar Dadin?

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Auf ihrer Facebook-Seite zählt Anastasia Zotowa die Tage, an denen sie nichts von ihrem Mann gehört hat. Am Erscheinungstag dieser WOZ werden es 34 sein. Zurzeit sitzt Ildar Dadin eine zweieinhalbjährige Haftstrafe ab. Der russische Regimekritiker ist der Erste, der für die Teilnahme an friedlichen Kundgebungen ins Gefängnis musste, seit ein Gesetz wiederholte Verstösse gegen das Demonstrationsrecht als Straftaten einstuft. Russische wie internationale Menschenrechtsorganisationen bezeichnen Dadin als politischen Häftling, fordern schon seit langem seine Freilassung.

Bis Dezember 2016 verbüsste der 34-Jährige seine Strafe in der berüchtigten Haftanstalt in Segescha im finnisch-russischen Grenzgebiet, wo auch schon der Oligarch und Regimegegner Michail Chodorkowski eingesperrt war. Im November schmuggelten Anwälte einen Brief aus dem Gefängnis, in dem Dadin über «Schläge, Folter, Erniedrigungen und Beleidigungen» klagte. Weil Dadin darum bat, mit einem Gang an die Öffentlichkeit seine «Überlebenschancen zu erhöhen», veröffentlichte Zotowa die Nachricht auf dem Portal «Meduza».

Unter Oppositionellen und westlichen MenschenrechtlerInnen sorgte die Nachricht für Empörung. Derweil Menschenrechtsanwälte, die ihn besuchen konnten, die Foltervorwürfe bestätigten, wiesen die Behörden alle Schuld von sich. Anfang Dezember berichteten russische Medien, dass Dadin «aus Sicherheitsgründen» in eine andere Strafkolonie verlegt werde. Seither ist der Verbleib des Dissidenten unbekannt.

In den letzten Tagen haben Oppositionelle von den Behörden gefordert, den Aufenthaltsort von Dadin unverzüglich bekannt zu geben. «Weil Dadin gravierende Gesetzesverstösse publik machte, haben seine Verwandten allen Grund, sich um sein Leben zu sorgen», schreibt etwa der Moskauer Politiker Lew Ponomarjow in einem Brief an die Strafvollzugsbehörde. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Moskau aufgefordert, bis zum 9. Januar Angaben über Dadins Verbleib zu machen. Anastasia Zotowa kämpft derweil auf Facebook weiter gegen das Vergessen.