Nr. 03/2017 vom 19.01.2017

Braucht es mehr als Identitätspolitik?

Die US-amerikanische Linke debattiert heftig über die richtige Strategie gegen Donald Trump. Für US-Journalistin Laura Flanders ist klar, dass es kein Zurück zu einer männlichen weissen Linken gibt.

Von Lotta Suter (Interview) und Mark Abramson (Foto)

Laura Flanders mit einem Leuchtobjekt: «Private Kapitalgeber beeinflussen die US-Regierung nicht mehr bloss, mit Donald Trump stellen sie die Regierung.»

WOZ: Laura Flanders, die USA erlebten diese Woche gleich zwei präsidiale Medienevents: die Abschiedsrede von Barack Obama und die Pressekonferenz von Donald Trump. Was ist Ihre Einschätzung davon?
Laura Flanders: Trumps Triumph ist ein Triumph für polterndes Imponiergehabe. Die Leute glauben ihm kein Wort, doch sie glauben, dass er handeln wird. Obama hingegen wurde wegen seiner schönen Worte geliebt. Aber die Bilanz der Leute, die in seiner Regierungszeit deportiert, wegen Enthüllungen strafrechtlich verfolgt oder im Drogenkrieg ins Fadenkreuz genommen wurden, spricht eine andere Sprache. Wir schwebten diese Woche irgendwo zwischen schönen Worten und kruden Taten. Und wir wissen, dass das Wahlvolk – oder vielmehr das Wahlsystem – sich diesen Herbst für die kruden Taten entschieden hat. Was nützt die idealistischste Rede, wenn die Realpolitik eine immer stärker polarisierte Gesellschaft schafft, wenn immer mehr Geld fürs Militär ausgegeben wird und immer weniger für die Grundbedürfnisse der Menschen?

Der abtretende Präsident Obama beschrieb die Lage der Nation so: «Solange die wirtschaftlichen Probleme als Konflikt zwischen der arbeitsamen weissen Mittelklasse und schmarotzenden Minderheiten dargestellt werden, bleibt den Lohnabhängigen aller Lager bloss der Kampf um ein paar Krümel.»
Die Mehrheit der Leute muss tatsächlich um Krümel kämpfen. Und Trump versicherte den Wählerinnen und Wählern, dass die «anderen», vor allem Frauen, Nichtweisse und LGBT-Leute, wieder auf ihre angestammten Plätze verwiesen würden. Laut gesagt wurde das bezüglich der Wirtschaft, doch die Botschaft war in einen Mantel aus Rassismus, Sexismus und Homophobie gehüllt.

Nicht zum ersten Mal in der US-Geschichte.
Ja, die Trump-Kampagne konnte «bewährte» rassistische und patriarchale Vorurteile und Gewohnheiten anzapfen. Viele Menschen kauften ihm die Botschaft von der Rückkehr ins grosse weisse, männlich dominierte Amerika ab. Und zweifellos werden nun die Rechte der Frauen und der ethnischen Minderheiten ein Stück weit zurückgefahren werden. Trotzdem wird die weisse Mittelklasse bald merken, dass das Terrain, das sie so sorgfältig gegen Eindringlinge abschirmt, einfach unter ihren Füssen zerfliesst. Nach der agrarischen und der industriellen Revolution durchlaufen wir zurzeit eine dritte wirtschaftliche Veränderung, die die Mehrheit der Menschen an den Rand drängt.

Und was bedeutet die Trump-Wahl in dieser Situation?
Der lange Kompromiss zwischen den Habenden und den Habenichtsen hat ausgedient. Das Modell einer Regierung, die gerade so viel gibt, dass Dissens und Widerstand entmutigt oder unterdrückt werden, ist am Ende. Die Interessen privater Kapitalgeber beeinflussen die Regierung nicht mehr bloss, mit Trump stellen sie die Regierung. Das Weisse Haus ist kein Haus des Volkes mehr, auch wenn es in der US-Verfassung so festgeschrieben ist. Das Privatinteresse hat gewonnen.

Bernie Sanders rät der US-Linken nach verlorener Wahl, über die Identitätspolitik «hinauszugehen». Einverstanden?
Wir haben da gar keine Wahl. Identitätspolitik gibt es, weil die herkömmliche Politik die Diversität der Bevölkerung nicht gesehen und respektiert hat. Wir können nicht einfach so tun, als könnten wir zur alten weissen männlichen Linken zurückgehen. Wir müssen verstehen, was uns unterscheidet und trennt, damit wir wirksame Bündnisse eingehen können. Ich besuchte übers Wochenende ein Treffen sozialer Bewegungen aus allen Teilen der Gesellschaft und verschiedenen Regionen der USA. Die Aktivistinnen und Aktivisten betonten, wie wichtig es ist, sein Gegenüber zuerst stets zu fragen: Was sollte ich wissen von dir, deinen Leuten, deiner Arbeit, deinen Lebensbedingungen, damit wir besser zusammenarbeiten können? Lange genug haben wir gesagt, das sind Nebenwidersprüche, darüber reden wir später. Man sieht, wohin uns das gebracht hat!

Was können linke Medienschaffende tun?
Unsere Aufgabe ist offensichtlich. Wir müssen jede oberflächliche Kategorisierung zurückweisen. Wir müssen Geschichten erzählen, die vielfältige Wirklichkeiten enthalten und unsere Wahrnehmung verfeinern. Stimmen unsere Annahmen noch? Wie gut beschreiben sie die Wirklichkeit? Wir sprechen über die Arbeiterklasse – warum nehmen wir stillschweigend an, die sei weiss? Wenn wir über Arbeiter sprechen – warum denken wir bloss an Männer und Industriearbeit? Warum nicht ans Gastgewerbe, die Hausangestellten … Wir müssen darüber hinaus Alternativen vorstellen, die das ökonomische Überleben sichern. Die neue Regierung wird das nämlich nicht tun.

Auch das politische und kulturelle Überleben links der Mitte hängt nun vermehrt von Empathie, Solidarität und Kreativität in der US-Bevölkerung ab. Sind Sie zuversichtlich?
Die meisten Menschen wollen Sinn und Gemeinschaft in ihrem Leben. Sie wollen auf so wichtige Ziele wie die Bewahrung unserer Erde hinarbeiten. Und sie lassen sich nicht so schnell einschüchtern. Schliesslich ist der Klimawandel weit beängstigender als ein Donald Trump.

TV-Moderatorin Laura Flanders (55) stellt ihre wöchentliche Show oft so vor: «Wer sagt, man könne doch nichts machen, landet bei uns auf der Hinterbank, denn ans Steuer gehören Leute, die etwas tun.»

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