Nr. 05/2017 vom 02.02.2017

Das System funktioniert hervorragend

Gerichtlich angeordnete Räumungen sind in den USA längst keine Einzelfälle mehr. Der Soziologe Matthew Desmond beleuchtet das Phänomen in seiner erschütternden Studie «Evicted».

Von Lennart Laberenz

Die permanente Reproduktion erbärmlicher Lebensbedingungen: Zwangsräumung eines Hauses in Milwaukee. Foto: Matthew Desmond

Es ist ein Satz, den vor allem konservative KandidatInnen seit Jahrzehnten bei fast allen US-Wahlkämpfen ihren AnhängerInnen wieder und wieder zuwerfen: «The system is broken», das System ist kaputt. Damit sollen GegnerInnen verächtlich gemacht, Amtsinhaber und Regierungen des Verrats oder der Inkompetenz bezichtigt werden, die KandidatInnen selbst wollen sich als ErneuerInnen präsentieren.

Allerdings macht sich niemand von ihnen die Mühe, genau zu erklären, was warum zerbrochen, wie etwas am besten zu flicken und was überhaupt das «System» sei. Dennoch ist der Satz zu einer Überzeugung geronnen, der WählerInnen in vielen Regionen zustimmen, unabhängig von Geschlecht und Alter. Wenn man dann Matthew Desmonds furiose Studie «Evicted» über Armut und Profit in US-Städten liest, glaubt man sogar, dass da tatsächlich etwas vollständig zerbrochen ist. Aber das System, so zeigt Desmond, funktioniert. Allerdings eben anders.

Schikanen und Fatalismus

Der Harvard-Soziologe hat sich jahrelang in Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin mit dem Phänomen von Zwangsräumungen beschäftigt und dazu einen ganzen Strauss wissenschaftlicher Studien zu Mietermobilität, Armut, Nachbarschaften, Trailerparks, Gewalt, Drogen und einigem mehr erarbeitet. In «Evicted» bündelt er nun all diese Erhebungen, Beobachtungen und Befragungen zu einer grösseren Erzählung: eine Langzeitbeobachtung als erschreckendes und dabei immer mitreissendes Sachbuch.

Milwaukee ist eine der am stärksten segregierten Städte des Landes, und Matthew Desmond verbringt mit beharrlicher Geduld Zeit mit den Leuten hier: mit Menschen, die in Armutsvierteln wohnen, einem Vermieterpärchen, das sich auf halb verfallene Häuserblocks in den miserablen Quartieren der Innenstadt spezialisiert hat, oder auch mit einem Team, das Zwangsräumungen überall in der Stadt vollstreckt, und den BewohnerInnen eines Trailerparks.

Desmond widmet sich dem Thema nicht zufällig: Zwangsvollstreckungen, also gerichtlich angeordnete Räumungen, sind von aufsehen- und protesterregenden Einzelfällen zu einer Art Strukturmassnahme in den USA geworden, um die sich eine ganze Industrie aus Räumungsunternehmen, Vermieterinnen, Anwälten, Sicherheitsfirmen kümmert. Die Kammern, die Zwangsvollstreckungen festlegen, sind die meistbeschäftigten des Landes. VermieterInnen ihrerseits können Millionen an Schrottimmobilien und heruntergekommenen Trailerparks verdienen, weil sie diese so leicht räumen lassen können.

Für «Evicted» begleitet Desmond ein kunterbuntes Personal, das all die Massnahmen und die Willkür, die Schikanen und Enttäuschungen meist in einen tiefen Fatalismus getrieben hat. Er beobachtet Drogensüchtige und eine Vermieterin, die oft als einzige Schwarze bei Branchentreffen dabei ist; er sitzt neben einer Mieterin, die aus ihrem Fatalismus ausbricht, wenn sie sich kurzerhand einen sündhaft teuren Fernseher leistet oder ihre Monatsrate an Lebensmittelmarken für ein opulentes Essen aus dem Fenster wirft, das sie mit Cola herunterspült.

Es sind apokalyptische Bilder, die Desmond aus der Innenstadt malt. Die Vermieterin wirft einen Mann ohne Beine aus seiner Wohnung, auch wenn er seine Mietschuld zu mindern suchte, indem er für die Vermieterin kleine Dienste verrichtete. Eine Wohnung brennt aus, dabei stirbt ein Kind, die Vermieterin lässt das Gebäude abreissen und kauft von der Versicherungssumme zwei neue. Den wohnungslos gewordenen Eltern zahlt sie die Miete nicht zurück – der Monat hatte schon angefangen, als das Feuer ausbrach.

Frauen werden doppelt bestraft

Kinder sind überhaupt ein Strukturproblem: Sie können Lärm machen, aus Spass Feueralarm auslösen oder wegen der uralten Leitungen an Bleivergiftung leiden und deshalb städtische InspektorInnen auf den Plan rufen – also bekommen vor allem alleinstehende Mütter und schwarze Familien mit Kindern in bestimmten Gegenden erst gar keine Wohnungen. Das führt zu enormem Frust, immer mal wieder schlagen Männer dann auf Frauen ein. Wenn die NachbarInnen aber mehr als zweimal die Polizei rufen, haben die VermieterInnen rechtlich ein Argument in der Hand: Sie können die Familien aus den Wohnungen rausschmeissen – auch jene, die die Polizei gerufen haben. In der Regel werden so verprügelte Frauen ein weiteres Mal bestraft. Desmond hält als Prinzip fest: «Wenn Inhaftierung das Leben von schwarzen Männern in armen Nachbarschaften definiert, bestimmen Zwangsräumungen das Leben armer schwarzer Frauen.»

Hausbesuch bei den Hinkstons

Desmond begleitet auch die Hinkstons, eine Familie, zu deren Haushalt viele Frauen, immer mehr Kinder und Schaben gehören, aber wenige Männer und Väter. Die Hinkstons müssen in einer Wohnung mit verstopften Abflüssen und oft ohne Heizung leben. Nachdem Patrice Hinkston aus ihrer Wohnung geworfen worden ist, flüchtet sie sich zu ihren Schwestern im gleichen Gebäude, derweil legt die Vermieterin ihre Mietschuld gerichtlich auf fast 2500 US-Dollar fest; sie bedient sich dabei der Möglichkeit, doppelte Mietzahlungen für jeden Tag nach einer Zwangsräumung einzuklagen. Die Vermieterin, die auch schon dem beinlosen Mann seine Papiere überbrachte, begründet das damit, dass Patrice Hinkston undankbar sei und sie «furchtbar verärgert» habe: «Sie hat eine zu grosse Klappe.» Die MieterInnen hatten nämlich einen Sanitär bestellt und dessen Stundenlohn von der Miete abgezogen. Die Vermieterin ist ausser sich – schliesslich seien die MieterInnen selbst für die verstopften Abflüsse verantwortlich.

Die Miete war bei weitem die grösste Ausgabe der Hinkstons, und als Gegenleistung erwarteten sie dafür ein anständiges und funktionierendes Heim: «Sie wollten, dass die Vermieterin etwas reparierte, wenn es kaputt ging.» Wenn aber die Vermieterin ihren eigenen Besitz nicht reparieren lässt, tun es auch die Hinkstons selber nicht mehr: «Die Wohnung enttäuschte die Mieter, und die Mieter enttäuschten die Wohnung. Je schlimmer die Zustände in der Wohnung wurden, desto verschlossener und lethargischer wurden ihre Bewohner.» Müll und Kakerlaken breiten sich aus, Waschbecken, Dusche und Toilette laufen über. Die Lage verschlimmert sich, bis die MieterInnen nach der nächsten Zwangsräumung wieder auf der Strasse landen.

Desmond beschreibt Kreisläufe, deren Stabilität das Instabile ausmacht. Räumungskommandos werfen Habseligkeiten an den Strassenrand oder lagern sie gegen happige Gebühren in Depots ein – darunter auch Winterjacken oder wichtige Unterlagen, die dann bei Kälte oder dem nächsten Termin im Sozialamt fehlen und zu Erkältungen oder Bussen führen. Halbe Familien pendeln zwischen Obdachlosigkeit und überfüllten Wohnungen.

«Evicted» skizziert so auch, warum in den USA bestimmte soziale Gruppen strukturell schlechtergestellt sind: Die Mieten in ihren Gegenden sind nur unwesentlich niedriger als in wohlhabenden Vierteln, dort aber bekommen Schwarze und Arme wegen ihrer Gerichtsakten keine Behausung. Und sowieso keine Kredite. Deshalb bleiben ihnen nur gesundheitsgefährdende Wohnungen in Vierteln mit hoher Kriminalität, sie müssen ihre Kinder in schlechtere Schulen schicken, haben längere und unsichere Wege zur Arbeit, verlieren öfter ihre Jobs und ihre Hoffnungen.

Das Erbe von Präsident Clinton

Es sind erschütternde Beobachtungen aus den Armutsvierteln einer Industrienation, in der das System der Zwangsräumungen dazu führt, dass erbärmliche Lebensbedingungen reproduziert werden. Wer in einer Baracke und in einem Ghetto aufwachse, so Desmond, lerne ein solches Umfeld zu ertragen: «Menschen, die keine Kontrolle mehr über ihr Heim hatten und dennoch einen Grossteil ihres Einkommens dafür aufwenden mussten, lernten auch, weniger Selbstachtung zu haben.» Und Desmond vergisst nicht zu erwähnen, dass viele rechtliche Massnahmen zum Nachteil von Mieterinnen und Sozialhilfeempfängern von der Regierung Bill Clintons eingeführt wurden.

Bei den letzten Präsidentschaftswahlen haben nicht wenige Menschen in den Ghettos der USA für Donald Trump gestimmt, einen Mann, der Milliarden mit Immobilien umgesetzt hat und von Gipfeln moralischer Empörung herabrief: «The system is totally rigged and broken!» Was immer er damit genau sagen wollte: Das hochprofitable System der Zwangsräumungen, das auf die Reproduktion von Armut ausgerichtet ist, kann er nicht gemeint haben. Denn dieses funktioniert ganz hervorragend.

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