Nr. 06/2017 vom 09.02.2017

Die Vernunft vor den Affekten retten

Von Stefan Howald

Ist das Volk dumm? Abgesehen davon, dass es das Volk nicht gibt, sondern dass es eine ideologische Konstruktion ist und deshalb Bertolt Brecht – auch gegen linke Vorstellungen! – schon 1935 vorgeschlagen hat, «Volk» konsequent durch «Bevölkerung» zu ersetzen, könnte man zuweilen tatsächlich glauben, dass grosse Teile des Volkes dumm sind. Nur die dümmsten Kälber wählen ja ihren Donald selber.

Was aber ist dumm? Es gibt erstaunlich wenige grundsätzliche Auseinandersetzungen damit, gegenwärtig beruhigt man sich lieber mit einem oberflächlichen Begriff wie «postfaktisch». Besser, man hält sich an Robert Musil und dessen Rede «Über die Dummheit», die jetzt neu aufgelegt wurde, als kleines Brevier für die Manteltasche. Als Musil den Text 1935 in Wien vortrug, herrschte in Österreich der Austrofaschismus, eine gemütlichere Version des gründlicheren deutschen Faschismus. Und man konnte sich davon angewidert abwenden.

Das wäre ein snobistisches Missverständnis. Auch Musil wird davon gelegentlich gestreift, aber seines ist ein Schreiben (und Reden), wie man es heute kaum mehr kennt. Sein Essayismus setzt nicht auf grosse Thesen und paradoxe Pointen, sondern ergreift die Gegenstände von allen Seiten und erprobt sie in verschiedenen Situationen. Bevor Musil verkündet, was denn Dummheit sei, erkundet er, wie sie in Sprichwörtern auftaucht, wie sie mit anderen Dingen zusammenhängt, mit der Eitelkeit, mit der Rohheit. Macht spielt auch eine Rolle, wenn die da oben jene unten dumm schelten oder jene unten sich plötzlich gegen die da oben («die Eliten») dumm stellen.

Die zeitgenössischen Zustände muss Musil nicht beim Namen nennen, aber wenn er von den Verblendungen des Wir handelt, werden sie für alle deutlich, erst recht, wenn er auf die Krise der Humanität zu sprechen kommt. Angesichts der drohenden Trennung von Verstand und Gefühl will er die Vernunft vor den Affekten retten. Sein Sprachgebrauch mag zuweilen antiquiert wirken, wenn er so etwas wie Bescheidung einfordert. Aber gemeint ist damit: Kritikfähigkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung. Wie aktuell.

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