Nr. 29/2018 vom 19.07.2018

Eine sommerliche Ermutigung

Von Stefan Howald

Die witzigste Aktion bei den Demonstrationen in London übers Wochenende war das riesenhafte Trump-Baby. Dieser aufgeblasene orange Luftballon fasste Monstrosität und Lächerlichkeit eines Egomanen zusammen.

Wirklich, wir leben in verstörenden Zeiten. In persönlichen Gesprächen und Redaktionssitzungen legen sich Ratlosigkeit und Ohnmacht wie Watte über Verstand und Sinne.

Der Philosoph Günther Anders hat einst den Begriff der prometheischen Scham geprägt: Angesichts der selbstgeschaffenen Grosstechnologien, die die Menschen zunehmend überwältigen, verhüllen sich diese schamhaft. Gegenwärtig überfällt einen intellektuelle Scham: dass solche Zustände in unseren halbwegs aufgeklärten und halbwegs demokratischen Gesellschaften möglich sind. Denn die Lüge schreitet nicht nur dreist voran, sondern hält sich auch noch etwas auf ihre Dreistigkeit zugute. Die Unmenschlichkeit geriert sich eitel als politischer Realismus.

Wir wanken wie im Traum daher. Etwas läuft zwanghaft ab, und wir kämpfen verzweifelt und zusehends ermattet dagegen. Doch alle Proportionen und Relationen sind verschoben. Der Schlaf oder der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer, wie die AufklärerInnen wussten. Dagegen begründete der Mut zur eigenen Urteilskraft die aufklärerische Emanzipation.

Der Mut wird eingerahmt von der Zögerlichkeit und der Tollkühnheit. Er braucht die Besinnung ebenso wie die Befeuerung.

Vielleicht bietet ja die Literatur oder das poetische Gemüt ein wenig Ermutigung. Wolf Biermann hat einmal ein gleichnamiges Gedicht geschrieben. Er machte die widersprüchlichen Umwälzungen des kurzen 20. Jahrhunderts an vorderer Stelle mit. «Du, lass dich nicht verhärten / in dieser harten Zeit», forderte er oder ermutigte er. Und bezog sich seinerseits auf Bert Brecht. Der hatte gewarnt: «Lasst euch nicht verführen.» Und andere Tugenden eingefordert. Manche seiner Texte wirken weiterhin frisch. Denn Brecht hantiert mit sozialtypischen Verhaltensregeln und Charaktereigenschaften, die uns zugleich ganz persönlich ansprechen: etwa die Freundlichkeit nicht zu vergessen.

Wo finden wir heute den Mut für den Alltag? Man kann, erstens, dem Pessimismus nicht nachgeben und nüchtern die zaghaften hoffnungsfrohen Zeichen zählen. In der Schweiz ist – für einmal antizyklisch avantgardistisch – die Verluderung der Humanität gebremst worden, die Entrechtungsinitiative gebodigt, die Sozialdetektive sind ins Zwielicht gerückt worden. In Frankreich wird die schändliche Bestrafung von FlüchtlingshelferInnen vom Verfassungsgericht zurückgenommen. In den USA gewinnen kämpferische LinksdemokratInnen an Boden. In Polen wehren sich RichterInnen und finden breitere Unterstützung. Die malaysische Bevölkerung hat eine korrupte Regierung abgewählt.

Man kann, zweitens, dem Zynismus eine Haltung gegenübersetzen, die differenziert bleibt, ohne die Schärfe zu verlieren. Im schlechten Grösseren das bessere Kleine erkennen und darüber die Utopie des besseren Grossen nicht vergessen. Selbst in der unvermeidlichen Zumutung des Fussball-«Sommermärchens». Darin ist alles instrumentalisiert, nationalisiert. Aber doch auch die Gemüter bewegend. Man darf die Gastfreundschaft der RussInnen preisen, ohne das repressive Regime zu übersehen. Man darf im französischen Sieg und in der kroatischen Niederlage die Rührseligkeit sehen und zugleich die Freude anerkennen. So wie der kroatische Fan, der auf dem Bahnsteig nach dem Endspiel versicherte, er werde jetzt mit den FranzösInnen feiern gehen.

Und man kann, drittens, sich selbst und die Nächsten sorgsamer behandeln. Was wir so für uns tun, ist wichtig und nicht einfach ein privates Refugium. Das Private stärkt das Soziale und das Politische. Man soll das eine tun und das andere nicht lassen. Jenen Kontakt wieder herstellen, den man so lange aufgeschoben hat. Schwimmen in Seen und Flüssen (ein alter Brecht-Ratschlag – aber ohne den Schreck von Gummieinhörnern). Dem unerschütterlichen Gesang der Vögel lauschen, den Rehen am Waldrand nachspüren und den Oktopoden im Meer nachtauchen. Wir können alles gebrauchen, was uns gegen die schlechten Träume stärkt.

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