Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

So still, dass es wehtut

Von Susan Boos

Über diesen Film kann man nicht viele Worte verlieren, man muss ihn sehen: «Halbwertszeit in Fukushima» – poetisch und melancholisch, und so schön und still, dass es schmerzt.

Im März vor sechs Jahren schmolzen nach einem schweren Erdbeben und einem gigantischen Tsunami im japanischen Atomkraftwerk Fukushima drei Reaktoren durch. Grosse Gebiete wurden radioaktiv verseucht und mussten evakuiert werden. In den vergangenen Jahren hat die japanische Regierung versucht, die verseuchten Dörfer und Felder zu putzen, damit die Leute in ihre Dörfer zurückkehren.

Der Film von Francesca Scalisi aus Italien und dem Schweizer Regisseur Mark Olexa erklärt nicht viel. Man folgt Naoto Matsumura und seinem betagten Vater durch den Tag. Die Familie Matsumura hat in Tomioka gelebt. Die Gemeinde ist ärger kontaminiert als die meisten anderen evakuierten Gebiete und gilt als rote Sperrzone. Vater und Sohn Matsumura haben beschlossen, trotz der hohen Strahlenbelastung auf ihrem Hof zu bleiben und sich um ihre Tiere zu kümmern.

Man sieht in langen, ruhigen Bildern, wie die Natur die Bauten der Menschen zurückerobert und unter wucherndem Grün begräbt. Matsumura wandert durch die menschenleere Landschaft. Er spricht wenig, aber jeder Satz ist wie ein Monument. Nie würde er seinen Sohn hierher bringen, sagt er. Denn wenn er erkrankte, würde er als Vater das ewig bereuen, selbst wenn es nicht von der Strahlung käme. Er sagt, am Anfang habe er sich gewünscht, dass nach den Aufräumarbeiten alles wieder so würde wie vorher. Doch er habe begriffen, dass es nie mehr so sein werde.

Es kommen Männer, die auch Matsumuras Hof und Wald dekontaminieren wollen. Sie sind freundlich und wirken doch wie Eindringlinge – eine Putzarmee, die sinnlos die verwilderte Schönheit und Ruhe stört. Denn die verordnete Putzaktion wird nichts bringen, ausser Berge kontaminierter Erde, die in schwarze Plastiktüten gepackt wird. Millionen dieser Plastiktüten stehen herum und bilden groteske Landschaften. Kein Mensch weiss, was damit geschehen soll.

Bern Cinématte, Mo, 20. März 2017, 18.30 Uhr, in Anwesenheit des Koregisseurs Mark Olexa; weitere Vorführungen: www.cinematte.ch ; Luzern Stattkino, Do, 23. März 2017, 18.30 Uhr, in Anwesenheit des Koregisseurs Mark Olexa; weitere Vorführungen: www.stattkino.ch.

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