Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

«Taulant tingelt an Haargel herum»

Etrit Hasler macht gut gemeinte Gleichstellung im Schweizer Boulevard aus

Von Etrit Hasler

Dass der «Blick» eine Mission hat, wusste ich schon länger. Und natürlich auch, dass er dabei nicht aus seiner Haut kann. So produzierte die Zeitung zum Tag der Frau am 8. März eine ganze Ausgabe, in der es nur um Frauen gehen sollte. Eine ganze Ausgabe? Selbstverständlich. Sogar der Sportbund des testosterongesteuerten Boulevardblatts, in dem die Frauen das Jahr über sonst höchstens als Statistinnen auftauchen, war «so weiblich wie noch nie» – ein ganzer Bund mit Sportlerinnen. Kann das gut gehen?

Die Antwort ist selbstverständlich: Es könnte. Wenn das Gegenteil von gut eben nicht gut gemeint wäre. Zwar kamen tatsächlich ein paar Athletinnen vor, aber im Zentrum stand wohl Wichtigeres. In der Titelgeschichte wurde «die stärkste Frau im Schweizer Fussball» präsentiert – Vaduz-Präsidentin Ruth Ospelt (übrigens, «Blick»: Note 1 in Geografie, denn bei aller Liebe gehört Vaduz nicht zur Schweiz), die mit der Bildunterschrift «Das erste Mal» (dass sie einen Trainer entliess) angepriesen wurde. Gleich dahinter folgte eine Analyse des Körperfetts von Jolanda Neff: «Der Körper von Mountainbikerin Jolanda Neff ist beeindruckend.» Abgerundet wurde der Bund vom Porträt der «nicht ‹nur› Spielerfrau» Karoliina Lindgren, die «ihren Mann bedingungslos unterstützt» – oh, und nicht zu vergessen: von einem Oben-ohne-Bild von Ex-Vize-Miss-Schweiz Xenia Tchoumitcheva auf der Rückseite.

Aber vielleicht hatte die Redaktion nur die Worte ihrer Reporterin Nicole Vandenbrouck zu wörtlich genommen, die in der Kommentarspalte auf der ersten Seite folgende Sätze geschrieben hatte: «Trotzdem haben Frauen – gerade im Spitzensport – oft einen Nachteil gegenüber Männern: das Aussehen.» Und weiter: «Figur, Brüste, Hintern sind bei Sport treibenden Frauen immer ein – wenn nicht sogar das Thema.» Q. b. d. – quod «Blick» demonstrandum. Oder so.

Immerhin gilt es dazu zu sagen, dass das Blatt es nicht bei der einmaligen Aktion zum 8. März bewenden liess – bei so viel Erfahrung in Kampagnenjournalismus wäre das eine Verschwendung. Am nächsten Tag porträtierte der «Blick» die Spielerinnen des frischgebackenen Cupsiegerteams des LC Brühl unter dem Titel: «So tickt die Nummer 1». Auszüge gefällig? – «Kümmert sich so liebevoll um die Spielfrisuren ihrer Kolleginnen, dass öfters die Zeit für die eigene zu kurz kommt.» – «Überrascht nach misslungenen Coiffeur-Terminen immer wieder mit interessanten Haarfarben.» – «Hat momentan die knalligsten Schuhe in unserem Team. Das kann sich aber rasch ändern, da laufend neue Paare hinzukommen.» – «Wer weiss, wie gross sie ohne ihre O-Beine tatsächlich wäre?»  – «Einzige Brühlerin mit einem Freund, der bald längere Haare hat als sie selbst.»  – «Verschüttet gern ihren Proteinshake in der Halle, wenn sie Barkeeper-Qualitäten unter Beweis stellen will.» Zusammengefasst also: Die Spielerinnen kümmern sich vor allem um Haare und Schuhe und sind ein bisschen tollpatschig.

Fairerweise muss ich anfügen: Den anderen Tageszeitungen ausserhalb der Ostschweiz war der zehnte Cupsieg des Teams höchstens eine Resultatmeldung wert. Insofern hat der «Blick» mindestens einen Teil zur Frauenförderung beigetragen. Und natürlich bin ich mir bewusst, dass der «Blick» ein Boulevardblatt ist, das ohne Sexappeal kein Papier verkaufen kann. Aber wenn die Zeitung ihr Engagement für die Gleichstellung ernst meint (und wie wir in diesen Tagen mit der Berichterstattung über Recep Tayyip Erdogans Abstimmungskampf sehen können, ist es dem «Blick» ja ein zentrales Anliegen, sich für hehre Werte einzusetzen), schlage ich für die Zukunft folgende Titel vor: «Taulant tingelt an Haargel herum – gerät er nun in Trainingsrückstand?», «Wie viele Paar Schuhe hat Cristiano Ronaldo eigentlich?», «Roger National auf dem Racket – wie fesselnd ist die Beziehung mit Mirka wirklich?».

Etrit Hasler spielt schlechter Fussball als alle Frauen, die er kennt. Vielleicht liegt es daran, dass er so schöne Haare hat.

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