Nr. 16/2017 vom 20.04.2017

Mit Westdevisen in der Pospalte

Thomas Brussig ist ein Spezialist für kontrafaktisches Erzählen. Das beweist der deutsche Schriftsteller und Drehbuchautor auch mit seinem neuen Roman, «Beste Absichten».

Von Ulrike Baureithel

«Am Sonntag, dem 12. September 1976 schien über Zschopau die Sonne.» Ein guter Tag für Kugelstosser Rolf Oesterreich, den Weltrekord zu brechen, der damals bei 22 Metern stand. Doch seine Leistung von 22,11 Metern bei den Bezirksmeisterschaften wird nirgends verzeichnet, weil er bei den DDR-Sportoffiziellen als nicht ausreichend linientreu gilt. Lange kämpft Oesterreich um nachträgliche Anerkennung.

Zwischen Aktendeckeln vergessen ist auch der ausrangierte Hubschrauber, den Hans-Jürgen K. 1971 auf dem Gelände eines Kindergartens aufmotzt, um in den Westen zu fliehen. Eine ingeniöse Meisterleistung, doch er wird verraten. Verraten fühlen sich auch die DDR-Konstrukteure, die mit dem Personenwagen «Fahrzeug 333/400», einem schwimmfähigen Wartburg, die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben versuchten. Mit dem vom Innenminister gewünschten aufgepflanzten Granatwerfer muss das Gefährt untergehen. So alternativlos, wie am Ende die DDR unterging.

Thomas Brussig («Helden wie wir»), der diese unglaublichen wahren Geschichten den einzelnen Kapiteln seines neuen Romans, «Beste Absichten», voranstellt, ist ein Spezialist für kontrafaktisches Erzählen. Wie man das Unglaubwürdige nobilitiert, das hat er zuletzt in «Das gibt’s in keinem Russenfilm» (2015) vorgeführt. In seinem Wenderoman «Beste Absichten» hat er nun die Maschen wieder aufgenommen: Je seltsamer die erinnerte DDR heute erscheint, desto authentischer die Geschichten, die sie hervorgebracht hat. Wenn die Sache mit dem Kugelstosser Rolf Oesterreich stimmt, dann ist auch alles andere möglich. Zum Beispiel die Geschichte einer grossen Band namens Die Seuche, die niemand kannte. Die DDR als nachgelassener Möglichkeitshorizont – das kann ein ganzes Literatenleben beschäftigen.

Auftritte im «Fresswürfel»

Die Seuche, das sind Sebastian, André, Rainer, Micha und Silke. 1989 in Ostberlin hocken sie wie Maulwürfe in einem Kellerloch und üben «unterm Radar» der offiziellen Beobachter, denn sie haben nicht die nötige Einstufung, um in der DDR als KünstlerInnen auftreten zu können. Der Ich-Erzähler, ein Stadtindianer in eigenem Auftrag, stösst auf Schleichwegen auf Die Seuche und bleibt hängen als Coach «Äppstiehn», jenem berühmten Brian Epstein nachempfunden, der einst die Beatles entdeckt hat. Der Band geht es nicht um Politik, schon gar nicht um Geld, sondern nur um die Musik, diesen unverzichtbaren Sauerstoff, der die jüngere Generation in der verdämmernden DDR am Leben erhielt: «Ohne Musik ist das alles nicht auszuhalten.»

Äppstiehn verschafft der Band also Auftritte im «Fresswürfel», einem der volkseigenen Mehrzweckräume, in denen die Volksseele im Rahmen privater Festbeschäftigung sediert wird. Dort wächst nicht nur der Osten mit der Westverwandtschaft zusammen, sondern auch «das Ding namens Seuche», das sich im Gestank von altem Frittierfett gegen Fankultur und Götzenverehrung immunisiert. Die Seuche erinnern an einst real existierende Punkbands wie Feeling B: Sie ist «gut für die DDR», aber nicht gut genug für den internationalen Markt.

Als sich im Sommer 1989 Massen von DDR-BürgerInnen auf den Weg nach Ungarn machen und in der Prager Botschaft stranden, ist für die Band, deren Problem darin besteht, gar nicht berühmt werden zu wollen, die Stunde gekommen – nicht musikalisch, sondern als Autoschiebergang. Der zentrale Teil dieser Geschichte hat alles, was eine gute Verfilmung eines Brussig-Romans ausmacht: Witz, Chuzpe und bemerkenswert viel kriminelle Energie. In den verlassenen Wohnungen, wo Äppstiehn die hinterlassenen Fahrzeugpapiere organisiert, habe er sich «gefühlt wie in einem Film, in dem ich der letzte Überlebende der Menschheit war».

Unschlagbar bildstark

Dass der «Aktionserlös» die Band dann doch nicht rettet, hat mit der Wende zu tun und damit, dass die Währung Musik ersetzt wird vom echten Leben – und vom Geld. In den neuen Verhältnissen reicht es nicht mehr aus, Teil eines Kollektivs zu sein, Erfolg misst sich anders. Die Band fällt auseinander, jeder folgt seinem eigenen Stern, da hilft auch der «Abkürzungsperfektionist» Äppstiehn nichts mehr: «Früher war Musik das Wichtigste. Jetzt ist es das Geld.»

Sätze, so platt und doch wahr. Genau wie die Geschichte um Die Seuche, die bei ihrem New Yorker Nachwende-Ausflug schliesslich unter dem Namen «Such as I» firmieren, eben auch wahr sein könnte. Dass es Brussig in den etwas ernsthafter ausgeleuchteten Ecken seines Romans tatsächlich auch um Musik geht und um das, was eine Band zur Band macht, offenbart sich in den papierenen Gesprächen der Bandmitglieder.

Doch dort, wo die Überlebensstrategien in einer Übergangsgesellschaft aufgefaltet werden, ist Brussig unschlagbar bildstark und komisch. Die in der Pospalte über die Grenze bugsierten Westdevisen, die gewaschen werden müssen, das adoptierte Meerschweinchen Schnüffi, das zum Inbegriff von «Freiheit oder Tod» wird – und nicht zuletzt die Tatsache, dass Die Seuche am Wetter und der Weltpolitik scheitern: Das alles sind wirkmächtige Bilder für eine Befindlichkeit des «als ob» in einer kurzen Phase der Anarchie – einer Anarchie, die es, so will es heute scheinen, eigentlich gar nie gegeben haben kann.

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