Nr. 07/2020 vom 13.02.2020

Von Waschbären und Menschen

Von Ulrike Baureithel

Eine juvenile Mutprobe, zwei völlig aus dem Gleis geratende Familien, ein geschäftstüchtiger Anwalt und sensationslüsterne Realitymedien: Das ist der Stoff, aus dem der Berliner Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmemacher Thomas Brussig seinen neuen Roman zusammenmixt, und natürlich erinnert das alles auch an einen Film, der irgendwann daraus entstehen könnte.

Dabei ist die Geschichte noch bizarrer als das literarische historische Vorbild, auf das der Titel «Die Verwandelten» anspielt. Im Unterschied zu Kafkas Gregor Samsa, der zu einem Ungeziefer wird, lässt Brussig die beiden sich langweilenden Halbwüchsigen Fibi und Aram in einem gottverlassenen Mecklenburger Flecken in einer Autowaschanlage verschwinden, um sie in einem von einer Überwachungskamera nicht festgehaltenen Sekundenbruchteil in zwei possierliche Waschbären zu verwandeln.

Die jeweiligen Familien der beiden reagieren alarmiert und auch deprimiert, Mutter Hüveland ist angesichts ihrer am Frühstückstisch fressenden Tochter entschlossen, «die Frontlinie von Natur und Zivilisation» zu halten, während Vater Stein seinen fussballverrückten Waschbärsohn wider besseres Wissen zum Probetraining der «Hasfau»-Jugend fährt. Hilmar Hüveland, agiler Bürgermeister von Bräsenfelde und vier anderen «Gemeindetörtchen», versucht wiederum zusammen mit einem Anwalt, das Schicksal seiner Tochter gewinnbringend zu vermarkten und für den Ort zum Standortvorteil zu machen, was zu allerlei Turbulenzen führt.

All das ist rasant erzählt, in der Brussig-typischen, leise sarkastischen Tonart, und schon deshalb vergnüglich zu lesen. Dass es bei einer solch spektakulären Verwandlung von Menschen in Waschbären aber auch nicht ohne ernsthaftere Probleme zugehen kann – von den Identitätsproblemen Fibis und Arams über die ungeklärte Frage der elterlichen Zuständigkeit bis hin zum Problem, ob eine Menschenkrankenkasse auch Waschbären versorgt –, liegt auf der Hand, ganz abgesehen vom Rätsel, wie die Grenze zwischen Mensch und Tier zu bestimmen ist. Am Ende allerdings überwältigt den Autor doch die Lust am Spiel, eben jener Trieb, der dem Menschen eigen und der nicht auf Waschbären übertragbar ist.

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