Nr. 17/2017 vom 27.04.2017

Spielen oder Nichtspielen?

Etrit Hasler fragt sich, wie viel Stress Berufsfussballern zugemutet werden kann

Von Etrit Hasler

Es dauerte zum Glück nicht lange, bis wir wussten, dass es sich eben doch nicht um einen Terroranschlag handelte, als der Mannschaftsbus des Ballspielvereins Borussia Dortmund (BVB) auf dem Weg in sein Stadion zum Champions-League-Heimspiel gegen Monaco in eine Explosion geriet. Natürlich war das die erste Vermutung, auch wenn auf Indymedia noch ein offensichtlich gefälschtes Bekennerschreiben herumgeisterte, indem sich «die Antifa» zum Anschlag bekannte, als Strafe dafür, dass sich der BVB nicht genügend von «Nazi_Innen» (sic!) distanziere.

Die Wirklichkeit erscheint im Nachhinein viel absurder. Fast wie als Kontrast zu den Diskussionen (wie sie gerade aufgrund des gefälschten Bekennerschreibens auch auf Indymedia liefen), ob der BVB nun das Grosskapital verkörpere, hat sich gezeigt: Der Täter handelte aus kapitalistischen Motiven – ein enorm dilettantischer Versuch von Insiderhandel, indem er sich mit Put-Optionen des BVB eindeckte und auf einen Kurssturz nach dem Anschlag spekulierte. Doch die vielleicht erschreckendste Komponente des Anschlags war die Geschwindigkeit, mit der die Normalität offiziell zurückgerufen wurde. Zwar wurde die Champions-League-Partie kurzfristig abgesagt; schon wenige Stunden nach dem Ereignis aber verkündeten die Vereinspräsidenten, das Spiel finde nun am nächsten Tag statt – ohne Rücksprache mit den betroffenen Spielern, wie sich in den Tagen danach herausstellte.

BVB-Trainer Thomas Tuchel kritisierte öffentlich den europäischen Fussballverband Uefa, der das seiner Meinung nach im Alleingang entschieden hatte. Diverse Spieler äusserten sich, sie hätten mehr Zeit gebraucht, um das Ereignis zu verarbeiten, darunter auch der Schweizer Goalie Roman Bürki, der sich zitieren liess, er habe noch Tage später grosse Mühe, überhaupt schlafen zu können. Eher zynisch klingt da die Aussage des künftigen Sicherheitsdirektors des Weltfussballverbands Fifa: «Wenn es Tote gegeben hätte, hätte natürlich kein Spiel stattgefunden.»

Dabei war man gar nicht so weit davon entfernt gewesen. Die Sprengsätze waren nicht sehr professionell platziert. Gemäss dem deutschen Bundeskriminalamt ist es vor allem dieser Tatsache geschuldet, dass sich die Metallsplitter ein paar wenige Zentimeter neben den Spielern im Mannschaftsbus in die Sitze bohrten – und es dadurch «nur» zu zwei schwer verletzten Opfern kam. Kein Wunder, bezeichnet Bürki die Aussagen der Fifa als «die grösste Frechheit, die es gibt».

Natürlich hat Bürki recht. Wer an Leib und Leben real bedroht war, braucht länger als einen Tag, um wieder zum Alltag übergehen zu können – insbesondere, wenn dieser Alltag darin besteht, neunzig Minuten lang psychisch ultrapräsent zu sein und alle Ablenkungen und Zweifel ablegen zu können. Wobei: Genau für diese Fähigkeit werden Fussballer mit Millionenbeträgen entschädigt.

Von SpitzensportlerInnen wird erwartet, ihr Privatleben, ihre Schicksalsschläge und ihre Familie aus dem Sport herauszuhalten. Beim RSC Anderlecht wurde einst ein Spieler schriftlich verwarnt, weil er sich erdreistet hatte, seine Hochzeit auf das Datum eines Freundschaftsspiels zu legen. Wenn Fussballprofis ihre Tore mit einem simulierten Nuggi oder Wiegebewegungen feiern, fragt man sich als ZuschauerIn häufig, ob sie bei der Geburt des gemeinten Nachwuchses überhaupt dabei sein konnten. Und wie häufig hat man schon gehört, dass Spieler ein Tor oder ein Spiel einem vor kurzem verstorbenen Elternteil gewidmet haben? Einen prominenten Ausnahmefall gibt es: Nachdem sich der deutsche Nationaltorhüter Robert Enke vor einen Zug geworfen hatte, sagte der Deutsche Fussballverband das geplante Freundschaftsspiel gegen Chile kurzerhand ab. Ob das auch so gewesen wäre, wenn es sich um ein Pflichtspiel gehandelt hätte, steht (zum Glück) in den Sternen.

Etrit Hasler ist selbstständigerwerbend und kennt die Maxime «The show must go on» nur zu gut.

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