Nr. 21/2017 vom 25.05.2017

Kann man Hochspannungsleitungen schön inszenieren?

Landschaftsschützer Raimund Rodewald freut sich über das Ja zum Energiegesetz. Er glaubt an einen landschaftsschonenden Umbau des Stromnetzes. Staumauern kann er erschreckend schön finden – aber wenn es um den Umbau alter Ställe geht, sind ihm Ruinen manchmal lieber.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Raimund Rodewald: «Man kann sie sorgfältig in die Landschaft stellen. Aber die Gittermasten sind derart technisch-nüchtern, dass sie emotional kaum berühren.»

WOZ: Raimund Rodewald, sind Sie zufrieden mit dem Abstimmungsresultat?
Raimund Rodewald: Sehr. Ich hätte nicht erwartet, dass es so deutlich wird. Die Weichenstellung ist klar: Die Schweiz verpflichtet sich, einen nichtatomaren Weg zu gehen und anzuerkennen, dass Energie eine knappe Ressource ist.

Im Detail ist dieser Weg allerdings überhaupt nicht klar.
Aber er ist zumindest vorgespurt. Wichtig ist, dass man abschätzt, wo sich viel Strom produzieren lässt, ohne dass die Landschaft leidet. Ich bin für eine konzentrierte Produktion, also lieber wenige grössere Anlagen bauen als viele kleine. Und nicht drei Windräder zu einer Anlage von nationaler Bedeutung erklären.

Schon nächste Woche diskutiert der Nationalrat über den Um- und Ausbau des Stromnetzes. Da droht auch Gefahr für die Landschaft.
Am Erarbeiten der Netzstrategie war ich beteiligt. Beim Stromnetz ist es zum Glück gelungen, verschiedene Netzbetreiber unter ein Dach zu bringen: die Swissgrid. Da ist die Zusammenarbeit viel einfacher als mit den Stromproduzenten, wo man von Kleinstfirmen bis zu den grossen Playern viele Beteiligte hat. Das heutige Netz ist auf die AKWs und Grosswasserkraft ausgerichtet, für den Stromtransit und die dezentrale Einspeisung braucht es ein ganz anderes Netz. Es gibt viel Potenzial für Rückbau.

Rückbau? Sie meinen eine Verlegung unter die Erde?
Nicht nur. In der oberen Leventina versucht man, das ganze Leitungsgebilde zu entwirren, das durch die verschiedenen Eigentümer entstanden ist. So kann man über sechzig Kilometer Leitungen zurückbauen. Wir von der Stiftung Landschaftsschutz schlagen vor, Energieinfrastrukturlandschaften festzulegen, wo man Leitungen, Windkraft- und andere Anlagen bündelt.

Werden solche Räume nicht hässlich und unbewohnbar?
Es ist wichtig, dass man in ihnen auch Qualitäten entwickelt. Ein Beispiel dafür ist der Hagneckkanal zwischen Aare und Bielersee, unsere Landschaft des Jahres: Dort wurde ein Velowegnetz geschaffen; der revitalisierte Kanal ist wertvoll für Frösche, Biber und Wasservögel und die Kraftwerksanlagen haben eine hohe architektonische Qualität und sind zum Teil öffentlich zugänglich.

Hochspannungsleitungen schön zu inszenieren, ist allerdings schwierig …
Das stimmt. Man kann sie sorgfältig in die Landschaft stellen, sinnvoll mit Strasse und Schiene kombinieren, aber die Gittermasten sind derart technisch-nüchtern, dass sie emotional kaum berühren.

Gibt es technische Bauwerke, die Ihnen gefallen?
Staumauern können etwas erschreckend Schönes haben, ähnlich wie hohe Berge. Auch Brücken haben oft mehr als einen funktionalen Wert: Die Eisenbahnbrücken über die Sitter in St. Gallen, die Sunnibergbrücke im Prättigau oder die Berner Stadtbrücken – das sind Persönlichkeiten!

Ein weiteres Thema, das im Parlament diskutiert wird, ist die Zukunft von alten Ställen in der Landwirtschaftszone. Die Kantone Graubünden und Wallis wollen mit Standesinitiativen eine Umnutzung zu Ferienwohnungen erleichtern.
Das sehe ich sehr kritisch. Es kann nicht sein, dass jeder alte Stall ein Ferienhaus wird, und vor allem widerspricht es dem Zweitwohnungsgesetz. Wenn sich Bauten nicht sinngemäss nutzen lassen, soll man sie zerfallen lassen. Die Natur kann sich diese Räume zurückholen; ich finde auch Ruinen schön.

Ist es nicht ein Riesenverlust, wenn diese Bauten – und damit das Wissen um die frühere Landnutzung – verloren gehen?
Ich wäre sehr froh, wenn wir eine Lebensweise fänden, in der diese Ställe einen Nutzen hätten. Einen guten Weg geht man im Bündner Safiental. Dort werden die Dächer erhalten, sodass die Ställe nicht zerfallen – damit man sie in Zukunft vielleicht wieder brauchen kann. Aber ich bin dagegen, dass sie kaschierte Ferienhäuser werden. Es ist paradox, dass man unbedingt Bauten umnutzen will, die weit weg vom Siedlungsgebiet liegen und wo man alles aufwendig hintransportieren muss – obwohl es innerorts noch viele Ställe gäbe, die man umnutzen könnte. Die Umweltkommission des Ständerats hat aus den beiden Standesinitiativen eine Motion gemacht, die das Anliegen mässigt. Sie verlangt ein Richtplanverfahren und eine klare Begründung für die Umnutzung. Ich bin froh, dass die Kommission dem Druck aus den Kantonen nicht einfach nachgibt.

Die letzte Frage haben Sie sicher schon oft gehört: Woher kommt der Name Rodewald?
Es gibt in Niedersachsen ein Dorf, das so heisst. Die Vorfahren meines Vaters sind von dort nach Schlesien ausgewandert, das heute zu Polen gehört. Die meisten Verwandten meines Vaters kamen im Zweiten Weltkrieg um; er war zum Glück dienstuntauglich. Nach dem Krieg zog er zuerst nach Berlin, dann fand er bei der Alusuisse in Neuhausen am Rheinfall eine Stelle. Erst vor einigen Jahren habe ich erfahren, dass «Rodewald» gar nichts mit Waldroden zu tun hat. Es bedeutet «grosser Wald, Gerichtswald, Initiationswald». Das passt auch besser zu mir.

Raimund Rodewald (57) ist Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz.

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