Nr. 21/2017 vom 25.05.2017

Vernunftwesen

Stefan Gärtner über den Besuch eines seltenen Gastes

Von Stefan Gärtner

Und so erschien sie also doch noch mal, die längst Totgeglaubte oder mindestens als moribund Abgeschriebene, wurde unversehens entdeckt und präsentiert vom Schweizer Wahlvolk, und man dachte: Ah, so schaut sie also aus, diese Vernunft! Lang nüme gsee!

Und so hat die Schweiz einen zwar vorsichtigen Abschied, aber doch einen Abschied genommen, was, wenn eine Beziehung als gefährliche gelten darf, auf jeden Fall besser ist als gar keiner, und die dumme Atompartei, die bereits namentlich die Vertretung des Volks beansprucht, musste abermals gewahr werden, dass das Volk nicht so wollte wie sie, die Partei dieses Schweizervolks, das gegen Eliten und egoistische Finsterlinge zu verteidigen doch angeblich ihr Daseinsgrund ist.

Aber das Volk hat sich gegen die Atomstromproduktion entschieden, und nun steht die SVP noch einmal dümmer da. Eine Volksenergie ist die nukleare nämlich nie gewesen, dafür war sie von Anbeginn viel zu teuer, mit riesenhaften Subventionen angeschoben von ebenjenem Steuerzahlerkollektiv, dessen Rechte unsere PopulistInnen so gern gegen die Schmarotzer und Asylantinnen verteidigen, und verantwortet letztlich von niemandem, denn verantworten lässt sich diese Energie nicht, im ganz planen Sinne nicht. Denn selbst wenn alles gut geht (und es kann immer etwas nicht gut gehen: Im schwedischen Forsmark sprangen 2006 bei einem Störfall zwei von vier Notgeneratoren nicht an): Wer, welches menschliche Wesen, welche Gesellschaft soll die Lagerung von Müll über 10 000 und mehr Jahre gewährleisten? Wenn schon sonst nichts gegen Atomkraft spräche, das ja wohl bestimmt, denn bereits 500 Jahre wären zu viel, weil der menschliche Horizont nach zwei, allenfalls drei Generationen endet und spätestens die Welt der Urgrosskinder Science-Fiction ist. (Ich habe nach einer Lesung mal einen halben Abend mit den zwanzigjährigen Veranstaltern verbracht, Leuten, die halb so alt waren wie ich, und die Hälfte ihrer Rede war mir bereits vollkommen rätselhaft.)

Was Vernunft im Einzelnen sei, wird immer Verhandlungssache bleiben; zu beginnen wäre dort, wo sich die Unvernunft nicht übersehen lässt, oder nur unter der Voraussetzung, dass sie profitabel ist. Selbst im Dummraserland Nummer eins, Deutschland, gibt es mittlerweile eine Mehrheit für ein allgemeines Tempolimit, aber da die Autoindustrie Gelände für ihre idiotisch übermotorisierten Kraft- und Panzerwagen benötigt, steht das nicht zur Debatte; wiewohl es nicht einmal Unfälle braucht, um zu bemerken, wie sinnlos die Raserei ist, wenn es schlicht darum geht, worum es doch beim Fahren gehen sollte, nämlich von A nach B zu gelangen. Wer, aus dem Urlaub kommend, die Reichsgrenze überquert, vermisst sofort das ruhige Schwimmen im gleichmässig dahinziehenden Fahrzeugstrom, ohne Drängeln, Ausgebremstwerden und die Unmöglichkeit, hinter einem Lastzug auszuscheren, weil von hinten links die Jagdgeschwader kommen. In der Schweiz diskutieren sie jetzt über die Anhebung der Altersgrenze für die verpflichtende medizinische Kontrolle der Fahrtüchtigkeit auf 75 Jahre; im Reich gibt es gar keine, und auch das muss man sich als Vernunftwesen einmal vorstellen. Konsequent wärs da bloss, man liesse unsere Neunzigjährigen dann auch die Castoren durch die Lande steuern: Wenn zweimal nichts passieren kann, dann wärs ja geradezu unvernünftig, sich noch etwa Sorgen zu machen.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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