Nr. 22/2017 vom 01.06.2017

Absoluter Beginner

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Betrachtet man in einem Museum die Kunst von Joseph Beuys, wirkt sie heute erst recht abgestanden: Die alltäglichen Objekte mit ihren pseudoerklärerischen Titeln wie «Thermisch-plastisches Urmeter» hatten einst wohl einen subversiven Dreh. Jetzt wirken sie so weit weg wie der Staat namens BRD, in dem Beuys einst tätig war, wobei es ja ein schöner historischer Witz ist, dass einem die damalige BRD, die doch den Sieg im Konkurrenzkampf davontrug, immer noch etwas weiter weg scheint als die DDR. Weiter weg wie Beuys und die BRD, das geht fast nicht.

Das Verdienst des Dokumentarfilms «Beuys» von Andres Veiel liegt darin, dass er die Plastiken von Beuys raus aus den Museen und zurück unter die Leute bringt. Rund 20 000 Fotos hat er gesichtet, dazu Ton- und Filmaufnahmen. Und in der Collage, die daraus entstanden ist, sieht man eben auch das Publikum der Aktionen, das im Sinn der sozialen Plastik an der Kunst mitbeteiligt war, ein zumeist lautstark diskutierendes Publikum: Herrlich, wie damals gestritten, getrunken und geraucht wurde! Wobei auf dem Podium nur Männer sitzen.

Im Zentrum des Films steht nicht Beuys’ Lebensgeschichte, sondern sein Kunstbegriff: Entweder ist jeder ein Künstler oder keiner, und nur die Kunst kann die Menschen in eine neue, freie Gesellschaft befördern. Beuys erscheint im Film als Hohepriester des Neuanfangs, das Prinzip wird ausgeführt an seinen «Fettecken», in Ecken geschmiertem Fett: «Chaotische Kondition, Bewegung und Formprinzip». Als Gründungsmitglied der Grünen wird Beuys auch in der Politik zum Erneuerer.

Dass die Montage Beuys’ Überlegungen zur direkten Demokratie, zu Geld und Banken und zur Ökologie betont, macht sie für die Gegenwart inspirierend. Doch mit dem Fokus auf den ständigen Beginn gerät die beständige Vergangenheit aus dem Blick. Beuys’ Zeit in der Hitlerjugend und als Naziflieger werden überspielt durch die erfundene Episode von der Rettung durch Krimtartaren nach seinem Flugzeugabsturz. Der immer wieder geäusserte Vorwurf von völkischen Zügen in seinem Werk kommt nicht vor. Die Kritik am totalen Anspruch des Künstlers bleibt einer US-Studentin überlassen: Was denn noch übrig bleibe, wenn alles Kunst sei?

Ab 1. Juni 2017 im Kino.

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