Nr. 25/2017 vom 22.06.2017

Den Sound glühen lassen

Von Florian KellerMail an Autor:in

Er wirkt fast ein wenig schüchtern in der lauten Runde, aber an der grossen Tafel fragt er dann doch: «Ihr von den Young Gods, mögt ihr Bläser überhaupt?» Die berechtigte Frage kommt von Hans Koch, Saxofonist im Trio Koch-Schütz-Studer. Bei den gemeinsamen Proben der beiden Formationen hat der Bläser etwas länger als die Kollegen gebraucht, um seinen Ort im musikalischen Gefüge zu finden, wie er später auf dem Heimweg durch die schlafende Stadt dem Schlagzeuger der Young Gods anvertraut.

Es ist nur einer von etlichen intimen Momenten im Film «Supersonic Airglow», der die kleine Tour vor sieben Jahren dokumentiert, als die beiden Bands zwischen Free Jazz und Industrial die Bühne teilten. Da suchen und finden sich zwei grosse Kaliber des Schweizer Musikschaffens zu einer Begegnung mit offenem Ausgang, wie Franz Treichler von den Young Gods zu Beginn sagt: Neben der Lust am Zusammenspiel gehe es vor allem darum, den Leuten Fragezeichen in die Köpfe zu pflanzen.

Das schaffen auch die surrealen Bilder, mit denen die beiden Regisseure Karim Patwa und Davix immer wieder dazwischenfunken, wie als Hommage an Peter Liechti, der Koch-Schütz-Studer einst im Film «Hardcore Chambermusic» begleitet hatte. Manche dieser traumartigen Einschübe funktionieren wie Suchbilder oder optische Täuschungen, filmische Fragezeichen eben: eine Zugfahrt im dichten Nebel, eine Frau, die wie besessen im finsteren Wald tanzt, oder eine mächtige Flutwelle samt Schwemmholz, die scheinbar auf uns zurollt – und dabei doch nicht vom Fleck kommt. Dann sind wir wieder auf der Probebühne, und die Kamera folgt dem Rauch einer Zigarette, als wärs die Schwingung eines Klangs.

Bei den Konzerten schaut der Film jeweils nur kurz zu, umso ausgiebiger bei den Proben – und immer wieder suchen die Musiker ein gemeinsames Terrain auch im Reden über ihr Tun. Lernen und wieder verlernen, das sei schliesslich der ewige Kreislauf für eine lebendige Kunst, sagt Cellist Martin Schütz einmal, nachdem er von der «unglaublichen melodischen Freiheit» im Gesang der Amsel geschwärmt hat. So kurz wie ein gutes Album ist «Supersonic Airglow» ein Fiebertrip in Schwarzweiss, ein supersonisches Glühen in der Luft eben.

In: Bern, Kino Rex; Biel, Kino Rex; Zürich, Kino Houdini. Ausserdem in Luzern, Bourbaki (22. Juni 2017) und Aarau, Freier Film (2. Juli 2017).

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch