Nr. 25/2017 vom 22.06.2017

Ambivalenz unter der Bettdecke

Von David Hunziker

Es passiert nicht beim Sex, der ist schon seit ein paar Stunden vorbei, sondern hinterher im Restaurant. Er schaut Kristen in die Augen und merkt, dass es wohl vorbei ist mit der ungezwungenen Leichtigkeit zwischen ihnen. Aber es ist schön, und im Refrain ruft er sie zurück zu sich unter die Decke. Jetzt sind wir wieder da, wo die Songs auf dem gleichnamigen Debüt von Cigarettes After Sex, der Band mit dem konsequenten Namen, meist spielen: im Bett. Aber sie handeln eben nie vom Akt selber und auch nicht vom Spannungsaufbau davor, sondern von den Momenten, in denen es ernst werden könnte. Das wird es dann aber doch nie richtig – was hier besungen wird, ist die Lust an der Ambivalenz.

Kristen ist eine von unzähligen Frauen, die auf diesem Album auftauchen, und die einzige von ihnen, die einen Namen trägt. Man merkt schnell, dass diese Geschichten meist nur einen Protagonisten haben: einen ziellos wirkenden und ziemlich selbstbezogenen Serotoninjunkie, der zu romantischem Pathos neigt (in «Opera House» will er seiner Angebeteten gleich eine Oper im Dschungel bauen, wie Fitzcarraldo im gleichnamigen Film von Werner Herzog). In «Sweet» schwärmt er von einer Geliebten, während diese in einem Video auf seinem Handy bloss simuliert wird. Die Zigarette kann man auch alleine rauchen.

Das wäre alles ziemlich unerträglich, hätte Greg Gonzalez, Kopf und Herz von Cigarettes After Sex, nicht seine atemberaubende androgyne Stimme. Neben ihrer betörenden Wirkung zieht sie den Texten auch den machoiden Stachel. Darunter werden die immer gleichen Elemente zu einem düster-schwärmerischen Dream Pop arrangiert: verwaschene Gitarren, verträumte Melodien und ein vollmundiger Bass, der opiatartige Wohligkeit verströmt. Doch diese Musik zieht nicht nur hinein, sie ist auch witzig. So stellt sich «Young & Dumb» etwa als eine Art «Paradise City» für die Gegenwart heraus. Doch während bei Guns n’ Roses auch die Musik dahingerotzt war, muss man bei Gonzalez schon gut aufpassen, um zu merken, dass er seine «Señorita» gerade eine Schutzheilige des Oralverkehrs genannt hat.

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