Nr. 25/2017 vom 22.06.2017

Ein Kampfjetabschuss für Rojava

Von Roman Enzler

Erstmals seit achtzehn Jahren hat ein Kampfjet der USA ein feindliches Flugzeug abgeschossen. Das US-Verteidigungsministerium spricht von der «Verteidigung seiner Koalitionspartner», die am Sonntag südlich der IS-Hochburg Rakka von einem syrischen Jet bedroht worden seien. Mit der Aktion unterstreichen die USA ihre Bündnistreue zu den Syrian Democratic Forces (SDF), die derzeit auf Rakka vorrücken. Da die SDF von den kurdischen «Volksverteidigungseinheiten» der YPG dominiert werden, erinnert ihre Koalition mit den USA an die amerikanische Allianz mit den kurdischen Peschmerga im Irakkrieg von 2003 – dem Grundstein für die Autonome Region Kurdistan im Nordirak.

Das Geschick ihrer politischen VertreterInnen hat auch die syrischen KurdInnen in die Reichweite der Unabhängigkeit gebracht. Unter Hafis al-Assad, dem Vater des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, wurden die KurdInnen besonders stark unterdrückt. Trotzdem vereinbarten sie 2011, als der Krieg losbrach, mit dem Regime ein Stillhalteabkommen. Assad brauchte die Sicherheitskräfte, die bis dahin den latenten Aufstand im kurdischen Nordosten niedergehalten hatten. Die KurdInnen nutzten deren Abzug, um sich ihrer Selbstverwaltung anzunehmen. 2013 riefen sie «Rojava» als autonome Provinz in Nordsyrien aus. Der Vormarsch islamistischer Gruppen ab 2013 kostete vielen KurdInnen das Leben. Gleichzeitig verlieh er dem Anliegen der kurdischen Autonomie weiter Aufwind. Ebenso wie das syrische Regime profitierten die kurdischen Milizen vom neuen Feindbild, das der sogenannte Islamische Staat bot. Mögliche Partner für dessen Bekämpfung waren plötzlich begehrt. Mit der Verteidigung der Stadt Kobane zeigten die YPG 2014 der Welt, dass sie dem IS die Stirn bieten können. Die USA erkannten die YPG als potenzielle Partner im Syrienkrieg und lieferten ihnen Waffen.

Die Gründung der Syrian Democratic Forces (SDF) im Oktober 2015 wurde wohl auch von den USA angeregt: Durch das Bündnis mit arabischen, assyrischen und turkmenischen Milizen sollte der Makel der YPG überwunden werden, eine ethnisch begründete und daher nicht über kurdisches Gebiet hinaus legitimierte Miliz zu sein. Der Öffnung hin zu einem multiethnischen Gebilde entsprach auch die Umbenennung Rojavas in «Demokratische Föderation Nordsyrien» im Jahr 2016. Sollten die USA ihre derzeitige Linie in Syrien beibehalten und die SDF auch vor türkischen Angriffen beschützen, müsste sich die Föderation weiter festigen lassen. Damit dieser Protostaat auch über die kurdischen Gebiete hinaus eine Perspektive bieten kann, müssen die YPG aber noch beweisen, dass ihr Bekenntnis zum föderalen Gedanken mehr ist als ein taktischer Zwischenschritt hin zu einem kurdischen Staat.

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